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Text von Mittwoch, 13. März 2002


Aschenputtels Ende: Ein Königreich für ein Pferd

Marburg * (FJH)
Lieber wollte er Schuhverkäufer werden als König. Seine roten Schuhe liebt der kleine Prinz über alles. Wenn er in ihnen über den roten Teppich geht, dann sieht man seine Füße fast nicht. Und wenn er als König mit dem Flugzeug irgendwo ankommt, dann wird für ihn überall der rote Teppich ausgerollt.
"Der kleine rote Prinz" des AGORA-Theaters aus dem belgischen St. Vith gastierte im Rahmen der 7. Hessischen Kinder- und Jugendtheaterwoche am Mittwoch (13. März) im Theater am Schwanhof. Wegen der großen Nachfrage hatte das Hessische Landestheater zusätzlich zu der schon früh ausverkauften Vorstellung am Donnerstag (14. März) noch diese Abendvorstellung angesetzt, die ebenfalls ausverkauft war.
Wo die Märchen enden, beginnt der ernüchternde Alltag. Aschenputtel wird überall hingefahren und muss keinen Schritt mehr laufen. Ihre Füße werden dick; sie liegt nur noch im Bett. Ihr Mann, der König, erkennt sie gar nicht mehr. Im ganzen Land lässt er sein Aschenputtel suchen, während er seine Frau in ihrem Schlafzimmer einsperrt.
Traurig sitzt er am Fenster und schaut hinaus. Die Tauben machen ihm Angst. Sie könnten ihm vielleicht die Augen auspicken. Also lässt er alle Tauben im Königreich vergiften, und mit ihnen auch alle anderen Vögel. Aus Angst vor dem Wiehern der Pferde lässt er auch alle Pferde im Reich schlachten.
Hier beginnt die Geschichte des kleinen roten Prinzen. Wie alle anderen Darsteller auch, trägt er ein langes weißes Hemd. Und dann sind da noch die roten Schuhe, die er an seinem Geburtstag an das Volk verschenken will.
Aber Macht und Reichtum machen nicht glücklich, sondern einsam. Die meisten Märchen sind nur eine Illusion wie die Bilder, die die Darstellerinnen dem Prinzen auf das große Tuch malen, das den Boden der Bühne bedeckt. Viel bunte Farbe ist da zu sehen, aber nichts davon nimmt Gestalt an auf der Bühne.
Schwer verdaulich ist die Auseinandersetzung mit bekannten Märchen wie Aschenputtel, Dornröschen, Rapunzel oder "Der kleine Prinz". Die Belgier desillusionieren zwar durchaus mit Können und Witz, aber kind- oder jugendgerecht ist ihre Darbietung beileibe nicht. Wie schon bei Dogs und Iphigenie Königskind scheint auch bei der Auswahl des belgischen Stücks die Eignung für ein jugendliches Publikum nicht ausschlaggebend gewesen zu sein, sondern vielmehr allein die künstlerische Qualität.
Allerdings ziehen die Darsteller mit hervorragendem Spiel ihr Publikum 75 Minuten lang in den Bann. Sie zeigen, wie man sich an Kleinigkeiten mehr erfreuen kann als an dem königlichen Leben in einem Schloss: "Mutter, ich tanze mit Dir!" Der kleine Prinz schafft es in einer wahrhaft rührenden Szene, seine Mutter Aschenputtel mit ihrem Klumpfuss wieder zum Gehen und sogar zum Tanzen zu bringen.
Doch desillusionierend und kalt distanziert wie schon zu Beginn endet das Stück. Im grellen Scheinwerferlicht hantieren die Darsteller mit Farben wie in einem Kinderladen der 70er Jahre. Klassische Musik wechselt mit unerträglichem Getröte. Dazwischen bringen die Darsteller mit hektischen Bewegungen Unruhe auf die Bühne. Die wenigen hoffnungsfrohen Ansätze der Handlung weichen schmell wider Momenten von Zerstörung und Verwirrung. Dem heilsamen Optimismus der Märchen als tröstende Nahrung für die Seele begegnen die belgischen Theatermacher mit unverhohlenem Pessimismus.
"Ich habe keine Untertanen", stellt der Prinz schließlich fest. Also fordert er: "Malt mir ein Volk!"
doch mit seinen Untertanen, die da mit schnellen Strichen auf das Tuch am Boden gemalt werden, ist der Prinz unzufrieden. So ruft er: "Ich mache sie alle tot." Und wenn sie nicht gestorben sind, dann...


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