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Text von Donnerstag, 25. Januar 2007

> s o z i a l e s<
  
 Not mit Noten: Statistik ohne Schattenseiten 
 Marburg * (ule)
Beinahe wie eine Abiturprüfung wirkte die Jahrespressekonferenz des KreisJobCenters (KJC) am Mittwoch (24. Januar) in der Kreisverwaltung. Mit gegenseitigem Schulterklopfen stellten sich die "Pennäler" Landrat Robert Fischbach, der Erste Kreisbeigeordnete Dr. Karsten McGovern, die KJC-Leiterin Andrea Martin und ihr Stellvertreter Uwe Pöppler der imaginären Prüfungskommission aus Pressevertretern.
Thema der Beinahe-Prüfung war die Präsentation der Arbeitslosen-Quote für das Jahr 2006. Die Prüflinge hatten nur einen Trumpf: Die Senkung der Arbeitslosen-Zahlen im Landkreis Marburg-Biedenkopf.
Und damit niemand darauf kam, nach den realen Schicksalen der Betroffenen zu fragen, wurde in möglichst kurzer Zeit mit möglichst vielen Zahlen jongliert: Insgesamt 3.962 Personen konnten in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Damit konnte die Arbeitslosen-Quote von 8,4 auf 6,7 Prozent gesenkt werden!
Das entspricht insgesamt einer Ergebnis-Verbesserung von 52 Prozent!
Die schematische Darstellung der Arbeitslosen-Zahlen im Jahresverlauf erbrachte sogar eine beeindruckende - kontinuierlich abnehmende - Kurve.
"Hinter den nackten Zahlen stehen Menschen, die wieder Arbeit gefunden haben", hatte Sozialdezernent McGovern eingangs völlig zu Recht erklärt. Doch diese Menschen spielten bei der Präsentation so gut wie keine Rolle. Da wurde bestenfalls von "Kunden mit Qualifizierungs-Defiziten" gesprochen, die motiviert werden mussten. Doch wie die Qualifizierungs-Defizite und die Motivationsversuche aussahen, wurde verschwiegen.
Verschwiegen wurde auch und erst auf Nachfrage zugegeben, dass die Zahl der Leistungsbezieher, die trotz Beschäftigung auf Hartz IV angewiesen sind, bei etwa 2.000 liegt. Arm trotz Arbeit, weil die Löhne zu niedrig sind, um davon leben zu können?
Das bestätigte McGovern und zeigte sich sichtlich besorgt, gab aber zu bedenken, dass viele Menschen "einfach nur froh" seien, endlich wieder Arbeit zu haben.
Dass Langzeit-Arbeitslose vielfach gar keine Wahl haben, auch zu niedrig entlohnte Arbeit anzunehmen, weil sie sonst mit Leistungskürzungen zu rechnen haben, wurde unterschlagen. Dass jeden Monat 300 neue Anträge auf Leistungszahlungen gestellt werden, kam erst auf Nachfrage heraus. Dass die Zahl der Leistungsbezieher seit 2004 um 35 Prozent gestiegen ist, wäre ohne Nachfrage ebenfalls nicht erwähnt worden.
Wäre die Jahrespressekonferenz tatsächlich eine Prüfung gewesen, wären die Prüflinge mit Pauken und Trompeten durchgefallen: Thema verfehlt!
 
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