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Text von Donnerstag, 17. Juni 2004

> p o l i t i k<
  
 RUM kritisiert: Frechheit, Frische, Freiheit 
 Marburg * (fjh)
Ihr zehnjähriges Bestehen feiert die Initiative für ein Freies Radio in Marburg. Die besten und die schlechtesten Sendungen, die ich je im Radio gehört habe, liefen auf Radio Unerhört Marburg (RUM). Bei keinem anderen Hörfunksender ist die Spannweite der Qualitätsunterschiede so groß wie dort.
Absolut herausragend war bereits in der Anfangszeit von RUm ein Portrait der Musikgruppe "Kathrin und die Quietschboys". Da plauderten die Musiker locker über sich und ihre Band, nahmen einander auf den Arm und witzelten miteinander. Solch ein Portrait hätte auch in jedem Kommerz-Sender laufen können, bestünde die Gruppe nicht auch aus mehreren Behinderten!
Geistige Behinderung wurde in dieser Sendung zu etwas ganz Normalem. Heiter und mit Witz wurde sie der Hörerschaft untergejubelt, ohne dass es auch nur eine Sekunde lang hätte peinlich werden können. Solche Sendungen wünscht mensch sich mehr, auch in anderen Sendern!
Nuschelnde oder gebetsmühlenartig mit monotoner Stimme verschachtelt formulierte Flugblätter verlesende Besitzer der einzig wahren Erkenntnis von der Welt sind die andere Seite dieses Programms. Hier darf jeder, und hier produziert sich mancher auch ohne Rücksicht auf mögliche Zuhörer!
Mitunter mag mancher nahezu gänzlich auf Hörerschaft verzichten, so schwer erträglich klingen einzelne Beiträge bei RUM. Einige machen hier halt Programm für sich selbst!
Dennoch ist das Freie Radio unbestreitbar ein Gewinn für Marburg. Vieles kann hier gesagt werden, was anderswo nicht zur Sprache käme. Vieles kann hier deutlicher oder schärfer ausgedrückt werden als im kommerziellen Radio oder auch im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Diese Freiheit lohnt hin und wieder auch die eine oder andere Schöpfkelle voller besserwisserischer Belehrungen.
Was mich als professionellen Journalisten an RUM immer umtreibt, ist die unentgeltliche Arbeit der Macherinnen und Macher. Das gewerkschaftliche Herz dreht sich schon um, wenn Journalismus allein für Gotteslohn - oder bei RUM wohl eher für den von Karl Marx - in den Äther gesendet wird. Leise beschleicht mich die Furcht, dass diese Bezahlung vielleicht auch anderswo Schule machen könnte!
Trotzalledem überstrahlt die Gedankenfreiheit und das eifrige Engagement der meisten Macherinnen und Macher alle Bedenken. die ersten sieben Jahre Sendebetrieb waren gewiss ein Gewinn.
Ohne RUM wäre Marburg ärmer und politisch auch ein wenig töter. So wünsche ich dem Sender noch vviele Jahre in derselben Frechheit, Frische und Freiheit. Denn Radio Unerhört ist wirklich ein freies Radio.
 
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