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Text von Sonntag, 18. April 2004

 
Zeichen gesetzt: 800 Demonstranten gegen Neonazis
  Marburg * (vic)
Etwa 400 Neonazis marschierten am Samstag (17. April) am Großsportfeld auf. "Antifaschistische" Gruppen wollten diesen Marsch der Neonazis durch Marburg nicht zulassen. Die massiv präsente Polizei hinderte sie jedoch an ihrem Vorhaben, die Nazis zu stören. Dabei ging die Polizei mit Hundestaffeln und Wasserwehrfern gegen die "Störenfriede" vor und kesselte sie ein. Ein Journalist des Marburger Magazins Express wurde von den Neonazis angegriffen. Seine Digital-Kamera wurde beschädigt.
Nach ihrem Aufmarsch in Marburg zogen die Neonazis weiter ins 30 Kilometer entfernte Gladenbach. Auch dort protestierten etwa 100 Menschen gegen den Nazi-Aufmarsch.
In Marburg hatte ein breites Bündnis von 40 Gruppen - darunter Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und Schüler - ebenfalls zu einer Gegendemonstration gegen den Nazi-Aufmarsch aufgerufen. Sie startete am Samstagnachmittag vor der Stadthalle.
Bei frühlingshaften Temperaturen und Sonnenschein machten sich etwa 800 Demonstranten über den Rudolfsplatz auf den Weg in die Oberstadt, wo auf dem Marktplatz die Abschlusskundgebung stattfand. Die Polizei war mit mehreren Hundertschaften präsent, hielt sich aber im Hintergrund, da die gesamte Veranstaltung ruhig verlief.
Mit Flaggen, Trillerpfeifen und Transparenten Sowie der Unterstützung einer Trommelgruppe protestierten die Menschen gegen rechte Aktivitäten und den vorherigen Aufmarsch der Neonazis. Dabei war auch die Motorrad-Gang "Coole Wampe", die sich mit 30Motorrädern an der Demonstration beteiligte.
Auf der Abschlusskundgebung am Marktplatz wurden verschiedene Musik- und Redebeiträge vorgetragen. Moderiert wurde die Kundgebung von Rüdiger Stolzenberg vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und Ralf Schrader von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Stolzenberg bekräftigte, dass man derartige Aufmärsche von Neonazis nicht einfach dulden dürfe. Die gute Beteiligung an der Gegendemonstration wertete er als ein sehr gutes Signal gegen "rechts".
Schrader hob die Verantwortung der Schule bei der Erziehung der Jugendlichen zur Toleranz hervor, zu der die Lehrer durch das Hessische Schulgesetz verpflichtet seien. Man müsse sich mehr um die Jugendlichen kümmern, um sie von Neonazis fernzuhalten.
Stadtrat Dr. Franz Kahle hob besonders die multikulturelle Vielfalt Marburgs hervor. Man könne stolz darauf sein, dass in der Universitätsstadt Menschen aus 70 Nationen leben. Mehrere Tausend ausländische Studierende besuchen die Philipps-Universität.
Kahle verwies aber auch warnend auf die dunkle Vergangenheit Marburgs. Schon in den 20er Jahren hätten sich bei Professoren, Studenten und auch der Bevölkerung die nationalsozialistischen Strömungen durchgesetzt und die Stadt zu einer "Nazi-Hochburg" gemacht.
Prof. Reinhard Kühnl hob aus Sicht der Wissenschaft hervor, dass gemäßigte Rechte, die sich zur "politischen Mitte" zählen, vor rechten Schlagwörtern nicht halt machen: Darunter sei auch der Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!"
Auch die Diskussion innerhalb der CDU über die "Deutsche Leitkultur" sei ein Beispiel für die gefährliche Zunahme rechter Tendenzen in Politik und Gesellschaft.
Till Wörner verwies als Vertreter der Schüler darauf, dass sich in neuesten Umfragen 23 % der Deutschen ausländerfeindlich äußern und zu Vorurteilen gegenüber Ausländern neigen.
Alle Redner appelierten an ihre Zuhörer, sich gegen rechte Tendenzen zu wehren. Sie sollten sich auch in Zukunft so gut wie möglich gegen Aufmärsche von Neonazis zur Wehr setzen.
Nach allzu vielen weiteren Beiträgen ging die Kundgebung in guter Atmosphäre zu ende.
 
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