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Text von Samstag, 17. April 2004

 
Nazi-Terror: "Glatze" griff Journalisten an
  Marburg * (FJH)
"Heute mischen wir Marburg auf!", sagte ein Demonstrant . Wie das aussehen sollte, musste ein Freier Mitarbeiter des Marburger Magazins Express am Samstag (17. April) am eigenen Leibe erfahren. Als er gegen Mittag am Großsportfeld den Nazi-Aufmarsch fotografieren wollte, zerstörte ein Teilnehmer seine Kamera und bedrohte ihn.
"Das war kein Spaß", berichtet der Geschädigte. Der bullige Neonazi hob die Fäuste und hielt sie dem Journalisten direkt vors Gesicht. Er ergriff die Digital-Kamera und schlug sie zu Boden. Dabei drohte er, den Journalisten umzubringen.
Voller Furcht flüchtete der Fotograf daraufhin. Der Neonazi lief hinter ihm her. An nahegelegenen Häusern klingelte der verängstigte Flüchtling. In einer Wohnung erhoffte er sich Schutz vor seinem Verfolger.
Doch erst am zweiten Haus öffnete ihm jemand. Ein Arzt nahm sich seiner an und gewährte ihm "Asyl". Er brachte den Journalisten schließlich auch nach Hause.
Den Täter beschreibt der Geschädigte als "bulligen Glatzkopf". Er sei mit entblößtem Oberkörper herumgelaufen. Sein Rücken sei "mit Tätowierungen übersät" gewesen.
Dieser Mann hat die Digital-Kamera des Berichterstatters beschädigt. Der Chip mit den Fotos lässt sich nicht mehr herausnehmen. Dadurch sind wertvolle Aufnahmen prominenter Sportler ebenso zerstört worden wie die Bilder vom Nazi-Aufmarsch in Marburg.
Für Kontrollen im Umfeld der Veranstaltungsorte sowie an den Demonstrationsorten Marburg, Gladenbach und Kirtorf wurden rund 1.800 Polizeibedienstete eingesetzt. Zur Unterstützung der hessischen Polizei waren je eine Hundertschaft aus Bayern, vom Bundesgrenzschutz (BGS) und aus Baden-Württemberg vor Ort.
Auf dem geplanten Marschweg zogen rund 400 Neonazis in der Zeit von 12.20 Uhr bis gegen 14 Uhr durch den äußeren südlichen Teil Marburgs zum Großsportfeld am Georg-Gassmann-Stadion. Sie waren aus vielen Teilen Deutschlands angereist.
Die selben Männer und Frauen demonstrierten am Nachmittag auch in Gladenbach. Den Aufmarsch in Kirtorf hatten die Behörden verboten. Dort blieb es auch ruhig.
Mit ihrem starken Aufgebot konnte die Polizei alle auswärtigen Demonstrationsteilnehmer aus der linken und der rechten Szene bereits auf der Anfahrt kontrollieren. Drohende Auseinandersetzungen seien dadurch frühzeitig erkannt worden, erklärte Polizeipressesprecher Werner Tuchbreiter am Samstagabend. Größere Gewalttätigkeiten habe es nicht gegeben.
Gegen 12 Uhr mussten Polizeibeamte in der Gisselberger Straße jedoch Pfefferspray gegen Personen einsetzen, die der rechten Szene zuzuordnen sind. Ein Verdächtiger, der Vermummungsgegenstände bei sich hatte, sollte in Verwahrung genommen werden. Gesinnungsgenossen versuchten erfolglos, dies zu verhindern.
Die Beamten waren bemüht, "linke" und "rechte" Grupen voneinander fernzuhalten.
Gegen 10.45 Uhr waren rund 120 "Autonome" vom Hauptbahnhof aus durch die Stadt in Richtung Süden gezogen. Erfolglos versuchten sie, zum Marschweg der "Rechten" vorzudringen.
In der Deutschhausstraße wurden gegen 15. 40 Uhr die Personalien von 72 Demonstrierenden aus der linksextremen Szene festgestellt. Unter ihnen befanden sich 12 Frauen . Die teilweise vermummten Demonstranten hatten nach Angaben der Polizei deren Beamte mit Flaschenwürfen und Böllern angegriffen. Die Polizisten wehrten sich mit Pfefferspray. Die "linken" Demonstranten wurden eingekesselt, vorläufig festgenommen und durchsucht. Gegen alle wird wegen Verdachts des Landfriedensbruchs ermittelt. Außerdem wird gegen drei von ihnen wegen Gefährlicher Körperverletzung, gegen einen Weiteren wegen Vermummung ermittelt.
Eine Gegendemonstration gegen den Nazi-Aufmarsch formierte sich um 14 Uhr an der Stadthalle. Gut 800 Demonstrantinnen und Demonstranten zogen von dort aus friedlich zur Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz.
Gegen 12 Uhr besetzten rund 50 Personen aus der linken Szene für wenige Minuten die Gleise am Hauptbahnhof. Zu größeren Störungen des Zugverkehrs kam es aber nicht.
Zu einem Verkehrsunfall war es im Vorfeld der Demonstration auf der Bundesstraße B3 bei Niederweimar gekommen. Dort fuhr gegen 9 Uhr ein Kleinbus der Polizei im Rahmen des Einsatzgeschehens auf auf einen VW Golf auf. Am Steuer des Autos saß eine 42-jährige Frau aus Obermörlen . Bei diesem Unfall erlitten 3 Beamte des Polizeipräsidiums Nordhessen im Alter zwischen 47 und 58 Jahren leichtere Verletzungen. Der Sachschaden beträgt etwa 13.000 Euro.
Den ganzen Tag über kreisten Hubschrauber am Himmel über Marburg. Immer wieder ertönten auch Martinshörner. Erst am Abend zog allmählich wieder Ruhe ein in der Stadt.
 
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