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Text von Donnerstag, 25. April 2002


Im Dunkeln tappen: Blindheit selbst erlebt

Marburg * (ChH)
Als ich durch die Vorhänge in den abgedunkelten Raum trete, ist mir etwas mulmig zumute. Die Tür fällt ins Schloß. Plötzlich herrscht völlige Dunkelheit. Weiße Flecken tanzen vor meinen Augen. Den sechs Schülerinnen der Käthe-Kollwitz-Schule (16-18 Jahre), die sich ebenfalls im Raum befinden, geht es nicht anders. "Orientiert euch erst mal ganz langsam und folgt meiner Stimme durch den Raum", beruhigt Thomas Apel, der die Gruppe führt. Ihm bereiten die Umstände weniger Schwierigkeiten, da er von Geburt an blind ist.
Am Donnerstag (25. April) konnten Interessierte erfahren, was "Sehen, Nicht-Sehen und Anders-Sehen" bedeutet. Thomas Apel und Iris Krane möchten mit ihrer Vorführung Neugier auf die Lebensumstände anderer Menschen wecken. Die Veranstaltung fand im Rahmen der 3. Marburger Buchwoche im Gymnasium Philippinum statt. Im Auftrag von marburgnews erlebte auch ich bisher unbekannte Sinneserfahrungen.
Wir sind die vorletzte Gruppe. Jeder erhält einen Blindenstock. "Wenn irgend jemandem schwindelig wird, versucht er die Augen zu schließen. Falls ihr euch nicht wohl fühlt, sagt es bitte sofort", erklärt Krane. Vorher wurde schon der größte Teil der 30 anwesenden Schüler auf den Marsch durch die Dunkelheit vorbereitet. Während diese in dem Raum verschwinden, erläutert Krane den Verbleibenden, die verschiedenen Sehschwächen.
Grauer und Grüner Star, Gesichtsfeldausfall sowie abnehmende Sehschärfe- werden mit Brillen simuliert. "Was bedeutet das 0,3 auf der Brille? Damit sehe ich ja immerhin noch mehr als ohne meine Kontaktlinsen", fragt eines der Mädchen. Krane erklärt das 0,3 gleichbedeutend mit 30% Sehvermögen ist. Dieses ist der Wert, bei dem man von einer Sehbehinderung spricht. Mit weniger als 2% Sehvermögen gilt ein Mensch als blind.
Die Anderen kommen gespannt und mit vielen neuen Eindrücke zurück. "Ich bin voll gegen einen Stuhl gerannt", ist eine der Aussagen. Warum sie alle so blinzeln, erfahre ich später am eigenen Leib. Beim Hinauskommen fühlt man sich, als würde man aus dem Schlaf aufschrecken und von einer 100 Watt Birne angestrahlt.
Im stockfinsteren Raum fällt das Orientieren nach anfänglichen Schwierigkeiten gar nicht so schwer. "Folgt mir bitte zu den Tischen. Dort könnt ihr einige Lebensmittel ertasten", sagt Thomas Apel. Tische? Zuerst rempele ich die Person vor mir an. Alle stehen gedrängt. "Wer bist Du denn?"- "Sybille". "Und Du?" - "Melanie" sagen verschiedene Stimmen. Jemand nimmt meine Hand und legt sie auf eine Flasche.
"Was ist das hier. Fühlt sich an wie Erbsen", sagt ein anderer und Apel antwortet "Riech doch mal dran!". "Ach so, das ist Kaffee."
An der Wand findet man Texte in Blindenschrift. Ich erinnere mich an das, was wir zuvor gelernt haben. Die Braille-Schrift wurde 1825 von Louis Braille erfunden. Nur sechs Punkten sind nötig um alle Zeichen und Ziffern darzustellen. Mit Schablonen und Sticheln kann man die Buchstaben in Papier einstanzen. Man ertastet diese Schrift dann mit den Fingern.
Der Boden ist mit verschiedenen Belägen ausgelegt. Im Hintergrund hört man Vogelzwitschern. Irgendwo muß ein Fenster auf die Straße hinaus gehen. Im Raum stehen Pflanzen. "Igitt, das fühlt sich ja an wie ein totes Tier." Neugierig versuche ich zu ertasten, was das Mädchen neben mir wohl meint. Es handelt sich um eine Pelzmütze. Ein Gegenstand stellt sich, nach langem Tasten, als Spinnrad heraus. Am Ende soll die Gruppe auf Stühlen Platz nehmen. Dabei ist Kommunikation wichtig. Sonst landet man auf dem Schoß eines der anderen Teilnehmer. Was bei dem Gang durch die Dunkelheit auffällt ist, dass jedem der vorübergehend die Orientierung verloren hat, sofort geholfen wird. Alle Teilnehmer versuchen auf den anderen Acht zu geben. Wer diese erhellende Erfahrung mit Blindheit selber machen will, kann sich für Freitag und Samstag noch bei Thomas Apel unter der Telefonnummer 06421/ 686993 melden.



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