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Text von Montag, 29. July 2002


ATTAC: Lokal aktiv, international vernetzt

Marburg * (sts)
"David gegen Goliath" oder Globalisierungskritiker gegen Staatsmacht ist der Titel einer Dokumentation von Martin Keßler. Am Sonntag (28. Juli) um 20.00 Uhr wurde dieser Film zur Attac-Sommerakademie im Kunstsaal der Martin Luther Schule gezeigt. Im Anschluss diskutierte das Publikum über das Gesehene mit Maria Mies von der Fachhochschule Köln und dem Autor.

[ATTAC-Poster]

Die Reportage zeigt verschiedene Gründer von Antiglobalisisierungsbewegungen weltweit. Angefangen bei Jose Beauvais, dem französischen "Asterix" und seiner Bauernbewegung "confederation paysanne", die zur internationalen Bewegung der "via campesina" gehört. Seine Kritik richtet sich in erster Linie gegen die hohen Importzölle der USA auf landwirtschaftliche Produkte. Zudem fordert er einen Rückzug der World Trade Organisation (WTO) aus dem gesamten Bereich der Landwirtschaft. Der Film stellt außerdem den Kampf der indischen Kleinbauern gegen die aufgezwungene "Grüne Revolution" dar. An der Spitze dieser Bewegung steht Vandana Shiva. Sie fordert eine "Saatgutsouveränität" für die einzelnen Landwirte. Bisher mussten die ihr Saatgut, genauso wie Pestizide bei Gro konzernen für viel Geld einkaufen. Da aber nach einigen Jahren Monokulturlandwirtschaft die Böden unfruchtbar werden und außerdem die Weltmarktpreise für Pfeffer oder Curry rapide gefallen sind, stehen sie vor dem Existenzverlust. Hohe Pachtforderungen und die Rückzahlung von Staatskrediten treiben viele indische Bauern in den Selbstmord. Noch höher ist die Zahl derer, die eine Niere verkaufen, um zu Geld zu kommen.
Aber es gibt auch Erfolgserlebnisse. Einige Bauern sind zur reinen Subsistenzwirtschaft zurückgekehrt. Mit eigenem Saatgut, riesiger Pflanzenvielfalt und ohne Pestizide bewirtschaften sie ihre Felder. Sie führen keinen aussichtslosen Kampf gegen die Multikonzerne, sondern lösen sich aus der Abhängigkeit von ihnen. Ein weiteres amüsantes Beispiel ist die "Pro Coconut" Kampagne in Indien, die sich gegen Coca-Cola richtet. Wo sonst die braune Brause verkauft wurde, werden jetzt zum gleichen Preis kleine braune Kokosnüsse angeboten.
In Deutschland, wie in der gesamten Europäischen Union (EU), äußert sich die Globalisierung in Form einer Deregulierungs- und Privatisierungswelle. Gerade Beschäftigte im öffentlichen Dienst haben oder werden dies zu spüren bekommen. Sie werden künftig für deutlich weniger Geld, wesentlich mehr arbeiten müssen. Der gegenwärtige Busfahrersteik in Südhessen ist als Aktion gegen diese Entwicklung zu sehen.
Die öffentliche Kontrolle über Ressourcen wie Wasser oder Strom geht nach und nach verloren. Nur durch lokale Aktionen und durch die internationale Vernetzung mit Gleichgesinnten können hier Gegenmaßnahmen Erfolg haben.
Zum Schluß des Films taucht die Frage auf, ob wir auf dem Weg in die autoritäre Demokratie sind. Immer mehr Sicherheitskräfte sind notwendig um Treffen der WTO oder des Internationalen Währungs Fonds (IWF) abhalten zu können. Ganze Städte werden regelrecht evakuiert und zu Hochsicherheitsgebieten umfunktioniert. "Dies sind bürgerkriegsähnliche Zustände," meinte Maria Mies, "es wird nicht mehr nach den Gründen für den Aufstand gefragt, sondern die Aufständischen werden bekämpft. Demonstranten werden so schnell zu Terroristen abgestempelt."


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