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Text von Mittwoch, 5. Dezember 2007

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 Praktische Forschung: Galtung wies Wege aus der Gewalt 
 Marburg * (fjh)
"Globaler Sachzwang Gewalt? Gegenwartsdiagnose und Friedensperspektiven" lautete der Titel eines Vortrags des norwegischen Friedensforschers Prof. Dr. Dr. Johan Galtung zum "State of the World". Der Träger des Alternativen Nobelpreises sprach am Dienstag (4. Dezember) im überfüllten Auditorium Maximum (AudiMax) der Philipps-Universität vor gut 900 Interessierten.
Erste Lacher erntete Galtung, als er den Moderator und Einlader PD Dr. Johannes Becker vom Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität als "Bruder Johannes" ansprach. Dann versprach er, dem Publikum eine Mischung aus Fakten und Witzen zu präsentieren.
Eine kurze Zusammenfassung der Biografie Galtungs hatte Universitätskanzler Dr. Friedhelm Nonne zuvor vorgetragen. Dabei hob er besonders die praktische Ausrichtung der Arbeit des Norwegers hervor, der seine theoretischen Erkenntnisse immer wieder zur Schlichtung von Konflikten in aller Welt eingesetzt hat.
Seinem Versprechen zu Beginn wurde Galtung mit seinem Vortrag in jeder Hinsicht gerecht. Faktenreich, eindringlich und häufig witzig erläuterte er seine Sicht der Weltlage.
Zunächst erklärte er seine Arbeitsweise, die sich vor allem durch eine möglichst umfassende und genaue Erhebung der Konfliktlage und der Interessen aller Beteiligten auszeichnet. Dabei dürfe man keine Konfliktpartei übergehen.
Zum notwendigen Frühwarnsystem mit "Early Warning" gelange man allein schon durch eine statistische Betrachtung: Man müsse nur die Zahl der Konflikte und Interventionen, an denen ein Staat beteiligt war, ins Verhältnis zur Dauer seiner Geschichte und zu seiner Position entweder weit oben oder ganz unten in der Pyramide struktureller Gewalt setzen.
Mit 273 Konflikten oder Interventionen, davon 72 nach dem Zweiten Weltkrieg, rangieren die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) hier ganz vorne. An zweiter Stelle machte Galtung Israel aus, das dann vom britischen Königreich gefolgt werde.
Die Häufigkeit einer Beteiligung an Kriegen oder Konflikten führte der Friedensforscher auf die Gewaltbereitschaft der jeweiligen Regierungen und die Gewöhnung der Bevölkerung an gewaltsame Vorgehensweisen zurück. Hier müsse eine Art "Friedens-Erziehung" einsetzen.
Dem viel beschworenen Begriff der "Globalisierung" setzte Galtung eine "Regionalisierung" entgegen: Die Strukturen von Wirtschaft und Politik werden sich seiner Wahrnehmung nach in Zukunft vor allem durch engere Kooperationen in vier wesentlichen Welt-Regionen manifestieren. Neben Europa seien das Südamerika, der Nahe und der Ferne Osten.
Lateinamerika sei derzeit dabei, sich aus der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds zu verabschieden. Nicht nur mit Hilfe des venezuelanischen Öls könnte der Subkontinent die Region von der Vorherrschaft der US-Regierung abkoppeln, hoffte Galtung.
Den Dollar als Welt-Leitwährung hätten die US-Regierungen in der Vergangenheit so schlecht gepflegt, dass er diese Funktion immer mehr verliere. Bis zu seinem 90. Geburtstag am 24. Oktober 2020 würden die Vereinigten Staaten weltpolitisch keine Rolle mehr spielen, prophezeite Galtung.
Die derzeitigen Kriege und Konflikte seien großenteils Ausdruck des Weltmacht-Anspruchs der US-Regierungen. Präsident George W. Bush habe wiederholt Friedens-Angebote beispielsweise des iranischen Staatspräsidenten Mohammed Chatami oder sogar auch der afghanischen Taliban
ignoriert.
Den jüngsten Geheimdienst-Bericht, der Bushs wiederholte Behauptung widerlegt, der Iran arbeite intensiv an der Entwicklung einer Atombombe, bezeichnete Galtung als "schallende Ohrfeige für Bush".
Wegen der christlichen Verbrämung seiner Kriegspolitik kritisierte der Friedensforscher die internationale Zurückhaltung gegenüber dem US-Präsidenten heftig: "Es gibt nicht gerade viele Menschen, die glauben, der christliche Gott habe einen so schlechten Geschmack, dass er ausgerechnet George W. Bush zu seinem Sachwalter auserwählt hätte!"
Dazu vermisste Galtung eine Äußerung des Papstes oder eines Vertreters des Ökumenischen Rates der Kirchen, womit Bushs Berufung auf das Christentum und die Bibel zurückgewiesen wird, weil sie "unchristlich" oder zumindest "schädlich für das christentum" sei. Islamische Theologen hätten derartiges in Bezug auf islamistische Attentate bereits wiederholt geäußert.
In diesem Zusammenhang lobte Galtung die Reaktion des spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero auf die Anschläge von Madrid: Als Erstes habe er die spanischen Truppen aus dem Irak zurückgeholt. Dann sei der Ministerpräsident nach Marokko gereist, um dort die Hand zur Versöhnung auszustrecken, da die meisten der ermittelten Attentäter Marokkaner gewesen seien. Schließlich habe Zabatero 500.000 Ausländern in Spanien zu einem legalen Aufenthaltsrecht verholfen. Diese deeskalierende Vorgehensweise fand Galtung eines Friedensnobelpreises würdig.
Dagegen kritisierte der Friedensforscher die Arroganz des Westens gegenüber dem Islam. Muslime verlangten nach seiner Erfahrung in aller Regel nur Respekt gegenüber ihrer Religion und Kultur.
Gerade zwischen Christen und Muslimen gebe es viele historische Berührungspunkte. 1541 sei die erste lateinische übersetzung des Koran erschienen. Das Vorwort dazu habe Martin Luther verfasst, der sich zuvor intensiv mit dem Islam auseinandergesetzt hatte.
Länder wie Afghanistan und der Irak seien Schöpfungen der Kolonialmächte. Die Führer der verschiedenen Völker innerhalb des afghanischen Staatsgebiets dann als "Warlords" oder "Kriegsherren" zu bezeichnen, hält Galtung für "eine Frechheit".
1,3 Millionen Muslimen könne niemand den Anspruch verweigern, sich zu einer politischen Einheit zusammenzuschließen: "Das wird geschehen, und keiner wird uns fragen."
Einen friedlichen Anfang könnte der Nahe Osten machen, schlug Galtung vor. Nach dem Vorbild der Europäischen Union (EU) hält er die Bildung einer Nahost-Union für wünschenswert, an der neben Israel und Palästina auch deren Nachbarländer Syrien, Jordanien, Libanon und Ägypten beteiligt sein sollten. Diese Struktur müsse aber langsam wachsen, meinte Galtung.
Noch stehe diesem Vorschlag der gegenseitige Hass auf allen Seiten entgegen. Zudem verließen sich die Israeli lieber auf ihren "großen Bruder". Doch im Zweifel wäre ein nachhaltiger Frieden für alle Beteiligten bestimmt die bessere Alternative.
Von den Medien weitgehend verschwiegen werde die Zusammenarbeit Russlands und Chinas in der "Shanghai Cooperation Organization" (SCO). Dabei umfasse sie die Hälfte der Weltbevölkerung.
Auch viele seiner eigenen Aktivitäten beispielsweise zur Vermittlung zwischen der Türkei, den Armeniern und den Kurden hätten die Medien nicht gewürdigt, bedauerte Galtung. Wahrscheinlich sei eine Aktion umso besser, je weniger die Medien darüber berichteten, meinte er schelmisch.
Am Ende seines Vortrags hielt Galtung ein Plädoyer für das Engagement junger Leute: Ihr Blick auf die Dinge sei noch nicht durch Gewohnheiten verstellt. Ältere Professoren betrachteten häufig eher die Bücher als ihre Wahrheit und nicht die Realität.
Zudem sprach sich der Friedensforscher für mehr Frauen in seiner Disziplin aus: "In deer Regel haben Frauen mehr Mitgefühl. Männer hingegen denken öfter an Metall", meinte er.
Zum Abschluss bewies der promovierte Mathematiker und Soziologe noch einmal erfrischenden Humor: "Nun könnte jemand sagen: Du bist doch selber ein alter Knacker. Aber das stimmt nicht. Ich bin eine junge Frau."
Unter dem tosenden Jubel der gut 900 Anwesenden vollführte der 77-jährige zum Dank für ihre Aufmerksamkeit einen perfekten Knicks. Bravo-Rufe und minutenlanger Applaus waren die wohlverdiente Antwort darauf.
 
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