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Text von Sonntag, 29. July 2007

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 Suizid-Serie: Mörderischer Arbeitsdruck 
 Marburg * (fjh)
Immer schärfer ziehen die Unternehmen den Leistungsdruck am Arbeitsplatz an. Immer schneller müssen die Menschen arbeiten. Mit immer weniger Beschäftigten erzeugen europäische Firmen ihre Produkte. Doch jetzt häufen sich in Frankreich Selbstmorde, bei denen auch der Arbeitsdruck als mögliche Ursache genannt wird. Hat die Arbeitsverdichtung inzwischen schon ein geradezu tödliches Ausmaß erreicht?
Aufgeschreckt ist die Öffentlichkeit in Frankreich nach einer Reihe von Suizid-Meldungen aus gleich mehreren großen französischen Konzernen. Jedes Jahr nehmen sich im gesamten Land zwischen 300 und 400 Menschen aus beruflichen Gründen das Leben. Mit durchschnittlich einem berufsbezogenen Selbstmord pro Tag liegt Frankreich hintr den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und der Ukraine in dieser traurigen statistik auf dem dritten Platz weltweit.
Im Jahr 2004 verbuchte Frankreich mit insgesamt 10.798 Selbsttötungen fast genauso viele wie Deutschland, obwohl dort rund 19 Millionen Menschen weniger leben als in der Bundesrepublik. Allein seit Jahresbeginn hat die französische Industrie mehr als ein Dutzend Selbstmorde erlitten.
Neben sechs Selbsttötungen von Beschäftigten bei Peugeot-Citroen (PSA) und weiteren drei Fällen bei Renault allein seit Jahresbeginn ist auch der staatliche Energie-Konzern Electriçité, de Françe (EdF) ins Gerede gekommen. Auch beim Catering-Konzern Sodexho hat ein Angestellter Selbstmord verübt.
Angesichts dieser schwarzen Serie ließ Staatspräsident Nicolas Sarkozy jetzt erklären, er sei "sehr betroffen" über die Suizide. Sein Sprecher David Martinon versprach, der Präsident wolle die Selbstmorde genau untersuchen lassen, um "Abhilfe für diese Probleme zu schaffen".
Drei der Selbstmörder waren Mitarbeiter eines Teams, das fürRenault in kürzester Zeit 26 neue Modelle entwerfen soll. "Der Erfolg hängt nur von den Modellen ab", hatte der neue Renault-Chef Carlos Ghosn den Designern Anfang Februar eingebläut.
Seinen Drei-Jahres-Plan machen die Gewerkschaften nun für die Todes-Serie bei Renault mit verantwortlich. "Die Mitarbeiter ertragen den Druck nicht mehr", erklärte Vincent Neveu von der Gewerkschaft CGT. Selbst die Geschäftsleitung hat inzwischen "Spannungen" in der Belegschaft wegen der hoch gesteckten Ziele des Unternehmens zugeben müssen.
Eine jüngst veröffentlichte Untersuchung des staatlichen Wirtschafts- und Sozialrats hat eine Häufung von Selbsttötungen in französischen Atom-Anlagen festgestellt. Allein im Atomkraftwerk Chinon haben sich in den letzten zwei Jahren vier Mitarbeiter das Leben genommen.
Drei Suizide haben sich dort seit Jahresbeginn schon ereignet. Am Montag (18. Juni) stürzte sich zudem eine 48-jährige Ingenieurin des Atom-Konzerns Areva aus ihrem Pariser Büro im siebten Stock in den Tod.
Betriebsrat Michel Lallier hält diese Todesfälle aber nur für die Spitze des Eisbergs. Allein in Chinon habe es seit den 90er Jahren zehn Selbstmord-Fälle gegeben. In anderen französischen Atom-Meilern sei das wahrscheinlich auch nicht viel anders, vermutet er. Ebenso verhalte es sich wohl auch mit den Leiharbeitern, die immer mehr Wartungsarbeiten ausführen.
Nach Angaben des CGT-Gewerkschafters verfügt EdF über Statistiken zu diesem Problem. Diese Daten halte der Konzern jedoch unter Verschluss.
Stress und Angst vermutet Dominique Huez als wichtige Faktoren für die Häufung von Suiziden in seinem Betrieb. Nach Einschätzung des Werksarztes Die EdF-Angestellten seien einem wachsenden Arbeitsdruck ausgesetzt. Für die Kontrolle von Haarrissen im Reaktor-Mantel etwa hätten sie inzwischen deutlich weniger Zeit als noch vor einigen Jahren. Diese Situation bringe die Techniker und Ingenieure ständig in Loyalitätskonflikte zwischen ihrem Arbeitgeber und dem Erhalt des Arbeitsplatzes einerseits sowie der gewissenhaften Einhaltung von Sicherheitsvorschriften andererseits.
In diesem Zusammenhang spricht Huez von "strategischem Mobbing" seines Arbeitgebers: "Die Geschäftsführung weiß, dass sich die individuelle Situation der Arbeitnehmer verschlechtert. Aber sie nimmt es in Kauf, weil sie dadurch die Angst regieren lässt und es leichter hat, den Apparat umzuorganisieren und zu verschlanken."
Trotz der Suizid-Serie will EdF noch weitere Arbeitsplätze abbauen. Das schürt die Angst in der Belegschaft zusätzlich. Und das erhöht auch nicht gerade die Sicherheit der Atomkraftwerke.
Ausgerechnet Mediziner stellen neben Managern und Freiberuflern eine der gefährdetesten Berufsgruppen dar. Ärzte begehen zweieinhalb mal häufiger Suizid als der Bevölkerungsdurchschnitt.
Vor allem Psychiater und Anästhesisten gelten als gefährdet. Ärztinnen neigen sogar fast doppelt so oft zur Selbstttötung wie ihre männlichen Kollegen. Schon Medizinstudenten entscheiden sich signifikant häufiger für einen Suizid als Studierende anderer Fachrichtungen.
Den Grund dafür sehen Experten in verbreitetem Alkoholismus und Tablettensucht bei Medizinern. Dank dieser Drogen könnten die Ärzte ihre Verantwortung und den Stress leichter ertragen.
Der Missbrauch von Alkohol hat nach Angaben des Statistischen Bundesamts (DeStatis) im Jahr 2005 in Deutschland insgesamt mehr als 16.000 Menschenleben gekostet. Im Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol sind demnach in Deutschland 12.233 Männer und 4.096 Frauen gestorben. Das sind rund zwei Prozent aller Sterbefälle.
Damit sind im Jahr 2005 mehr Menschen an den Folgen von Alkohol-Missbrauch gestorben als durch Suizide (10.260) und tödliche Verkehrsunfälle (5.458) zusammen. Doch sollte man angesichts des ärztlichen Suizid-Risikos und der Gründe für den Alkoholismus beide Faktoren in direkten Zusammenhang miteinander betrachten.
Insgesamt ist die offiziell bekanntgegebene Selbstmord-Rate in Deutschland allerdings rückläufig. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind im Jahr 2003 in Deutschland 11.150 Menschen freiwillig aus dem Leben geschieden. Diese Zahl entspricht einem Anteil von 1,3 Prozent an allen Todesfällen.
Während 1983 von 100.000 Personen noch 24 Menschen ihr Leben durch Suizid beendet hatten, begingen 2003 "nur" noch 14 Personen pro 100.000 Einwohner Selbstmord. Zurückgeführt wird dieser Rückgang des freiwilligen Todes vor allem auf die verbesserte psychotherapeutische Betreuung möglicher Opfer. Immerhin liegt die Zahl der Selbstmord-Versuche in Deutschland bei mehr als 100.000 pro Jahr.
Für die Angehörigen ist der Suizid eines nahestehenden Menschen nicht leicht. Häufig machen sie sich Vorwürfe, den Betreffenden nicht genügend unterstützt oder seine Warnsignale nicht ernst genug genommen zu haben.
In aller Regel deuten Selbstmörder ihre Entscheidung nämlich vorher an. Meist ist das ein Hilferuf, mit dem sie noch einen letzten Ausweg vor der ausweglosen "Lösung" suchen. Oft nehmen Angehörige diese Äußerungen aber nicht ernst oder verdrängen sie.
Schließlich ist es ja auch nicht leicht, einem depressiven Menschen zu helfen. Schwermut ist nämlich meist die Ursache für einen Suizid. Diese Depression kann jedoch vielfältige Ursachen haben. Selten ist es nur ein einziger Grund, der das Leben sinnlos erscheinen lässt.
Häufig aber erzeugt ein Problem beispielsweise am Arbeitsplatz weitere Schwierigkeiten. Ist der Mensch erst einmal gestresst, unzufrieden und mutlos, so wirkt sich das auch auf seine Beziehung, seine Freunde und andere Lebensbereiche aus. Mancher stürzt so in eine tiefe persönliche krise.
Doch trotz der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Debatte über Selbsttötungen und ihre Beweggründe grenzt die Öffentlichkeit das Thema weitgehend aus ihren Diskussionen aus. Einerseits vermeiden die Behörden Veröffentlichungen mit dem Hintergedanken, labile Leute damit nicht noch auf eine tödliche Idee bringen zu wollen, andererseits grenzt die Gesellschaft das Sterben insgesamt als unangenehme Schattenseite des Lebens aus. So wird das Thema Suizid weitgehend totgeschwiegen.
Unter den Teppich gekehrt haben die meisten deutschen Medien - vermutlich nicht nur deswegen - auch den Freitod des Hartz-IV-Opfers Detlef Rochner. Der 47-jährige Frührentner war am Montag (16. Juli) vom Balkon seiner Wohnung im zehnten Stock eines Berliner Hochhauses gesprungen, weil er für sich und seine Familie keinen anderen Ausweg mehr sah.
Um jede notwendige Leistung für seinen 20-jährigen behinderten Sohn und sich selbst habe ihr herzkranker mann immer kämpfen müssen, erklärte seine 44-jährige Witwe. In einem Abschiedsbrief beklagte der - sonst immer sehr engagierte - kämpfer für Soziale Gerechtigkeit, dass die Gesellschaft Behinderte und ihre Rechte nicht ernst nehme und sie rücksichtslos ausgrenze. Im Sprung vom Balkon sah der seit 2003 arbeitslose einstige U-Bahn-Fahrer die einzige Chance für seine Familie, jemals wieder auf einen grünen Zweig zu kommen.
Die neoliberal verbrämte Wirtschaftsdiktatur ist letztlich der wichtigste Grund für die meisten Suizide. Soziale Leistungen und Anlaufstellen werden finanziell ausgeblutet oder den knallharten Gesetzen des marktes unterworfen.
Unternehmen saugen ihre Beschäftigten wie Zecken aus, um sie im Zuge von "Verschlankungen" der Belegschaft jederzeit nach Belieben auf die Straße zu setzen. Das Arbeitslosengeld II (ALG II) erlaubt ihnen dann aber kaum mehr ein menschenwürdiges Leben.
Jahrzehntelange neoliberale Propaganda hat die Bevölkerung zudem mürbe gemacht. Viele Menschen glauben deswegen tatsächlich, sie seien selber schuld an ihrem sozialen Abstieg. Und wer noch einen Job hat, verschließt lieber die Augen vor der Gefahr, ihn zu verlieren.
Neoliberal gepredigter Egoismus und ruppige Rücksichtslosigkeit haben die Solidarität der Menschen untereinander vielfach verdrängt. Nur dadurch war es möglich, dass Mitte April ein 20-jähriger Behinderter in Speyer verhungert ist. Und auch Detlev Rochners Tod ist eine Folge mangelnder Solidarität der Mitmenschen.
Neben seinen gefährlichen Folgen im Inland ist der Neoliberalismus auch für die globale Ungerechtigkeit verantwortlich. Kriege und Unterdrückung weltweit sind vor allem der Macht- und Geldgier einzelner Profiteure geschuldet.
Ein dermaßen tödliches Wirtschaftssystem darf nicht so weitermachen wie bisher. Anstatt immer mehr Mittel zur Unterdrückung der Menschen zu mobilisieren, muss die Politik der Wirtschaft künftig enge Grenzen setzen.
 
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