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Text von Sonntag, 29. April 2007

> s o z i a l e s<
  
 Utopie Arbeit: Zwischen Zahlen und Zukunft 
 Marburg * (sts)
Wie verschieden doch Utopien zum Thema Arbeit aussehen können: Bei Henner Geil von der Industrie- und Handelskammer Kassel (IHK) erschöpft sich die Wunschvorstellung darin,bei der Arbeitslosen-Quote näher an den Main-Taunus-Kreis heranzurücken. Bei Guillaume Paoli von der Initiative "Glückliche Arbeitslose" steht die Abschaffung des Geldes am Ende seiner persönlichen Arbeits-Utopie.
Zwischen diesen entgegengesetzten Polen entwickelte sich am Samstag (28. April) im Café Trauma eine interessante Podiumsdiskussion zum Thema "Utopie Arbeit".
Die Schwerpunkte in den Vorstellungen von Arbeit wurden von den Diskussionsteilnehmern schnell gesetzt. Gerhard Wenz und Andrea Martin, die Leiter der Marburger Arbeitsagentur und des KreisJobCenters (KJC), betonten die guten Vermittlungsergebnisse, die sinkende Arbeitslosen-Zahl und die individuellen Qualifizierungsmaßnahmen. Henner Geil verwies auf die seit Jahren steigende Zahl der Ausbildungsplätze in Mittelhessen. Ernst Richter vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) forderte einen Mindestlohn und ein Vergabe-Gesetz für Kommunen. Paoli wandte sich gegen die generelle Ökonomisierung der Gesellschaft. Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Kurz-Scherf verwies als Moderatorin auf die nach wie vor mangelhaften Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt.
Im Grunde standen zwei Standpunkte im Raum: Wenz, Martin und Geil sahen im konjunkturellen Aufschwung die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt. Sie sprachen gar von einer "Aufbruchsstimmung" in der Region.
Richter, Paoli und Kurz-Scherf sahen hinter diesen Statistiken aber den "Wachstums-Fetischismus" einer "neoliberalen Einheitsregierung" in Berlin und forderten "kürzere Arbeitszeiten, damit mehr Menschen arbeiten können".
Knackpunkt der Diskussion war sicher der Umstand, den Richter als "den revolutionären Prozess der Veränderung zu Ungunsten der unteren Gesellschaftsschichten" bezeichnete. Gemeint waren die seit Jahren sinkende Zahl der versicherungspflichtigen und Vollzeit-Arbeitsplätze zugunsten von Teilzeit und geringfügiger oder prekärer Beschäftigung.
Allein im Zuständigkeitsbereich des Kreisjobcenters arbeiten 1.500 Menschen Vollzeit und erhalten dennoch Arbeitslosengeld II (ALG II), um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Kurz-Scherf bezeichnete diese Zahl als einen Skandal. Es müsse ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden.
Die Politik folge einem absurden Widerspruch. An Vollbeschäftigung sei längst nicht mehr zu denken. Stattdessen müsse "die Republik eigentlich über jeden froh sein, der sich vor der Arbeit drückt."
Am Ende blieb der unversöhnliche Widerspruch stehen. Wer innerhalb der rein ökonomischen Grundsätze denkt, sieht die positive konjunkturelle Trendwende und die sinkenden Arbeitslosen-Zahlen. Wer im globalen Kontext denkt, sieht aber auch die generelle Tendenz zu mehr Markt und weniger Staat, von Allmachtsansprüchen der Wirtschaft und politischer Ohnmacht.
 
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