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Text von Donnerstag, 22. November 2007

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 RAF-Mythos: Winkler stellte neues Buch vor 
 Marburg * (jnl)
Über die Bader-Meinhof-Bande gibt es ungezählte Bücher, doch eine Gesamtbiografie gab es bislang noch nicht. Der Publizist Willi Winkler stellte sein aktuelles Werk "Die Geschichte der RAF" auf Einladung des Kulturvereins Strömungen am Mittwoch (21. November) im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) vor.
Winkler ist ein bundesweit bekannter Feuilleton-Journalist. Seit zehn Jahren arbeitet er bei der Süddeutschen Zeitung, zuvor war er Redakteur bei Die Zeit und Kultur-Ressortleiter beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Von ihm sind Bücher erschienen über Bob Dylan, die Rolling Stones und die Passion Kino. Als sein besonderes Kennzeichen gilt sein leichter, ironischer Stil, mit dem er den Zeitläuften und den Zeitgenossen Klartext beibringt.
Ein etwa 1,80 Meter großer Intellektueller mit Brille und spärlichem Haar, gewandet in elegantem schwarzem Blazer zum schlipslosen weißen Hemd, betrat die Bühne. Der 50-Jährige eröffnete mit einer launigen Bemerkung, dass das Publikum auch immer jünger werde. Tatsächlich waren die 30 Zuhörer überwiegend im studentischen Alter. "Falls es Ihnen zuviel wird mit der Faktenhuberei, dann buhen Sie bitte!" forderte Winkler sie auf, bevor er Ausschnitte aus drei Kapiteln vortrug.
Wirklich Neues erfuhr man weder im Kapitel über Ulrike Meinhof, noch über Holger Meins oder über den "Deutschen Herbst" 1977. Aber das war auch kaum zu erwarten gewesen. Winkler gelang es allerdings, die Fülle an Fakten konzise in klare Sprache zu fassen. Die in vergangenen Jahrzehnten wuchernden Mythen und Verschwörungstheorien wurden von ihm benannt und abserviert als "Märtyrerkitsch". Seine psychologische Erklärung für die Wirkungsgeschichte der RAF lautete, dass sie sich geschickt vorhandene Schuldgefühle jener Generation zunutze gemacht hätte.
Die RAF-Desperados waren Sprösslinge des aufgeklärten Teils des deutschen Bürgertums. Sie wurden einerseits durch die "Militanzkonkurrenz" der linken Subkulturen und andererseits durch die Überreaktionen mancher Staatsvertreter radikalisiert und zu ihren wahnhaften Taten getrieben. Zuerst waren viele starke Worte und viel später erst die sogenannte "Propaganda der Tat", was laut Winkler im Nachhinein oft unterschlagen worden ist.
Heutzutage sei die "Rote Armee Fraktion" (RAF) so etwas wie das "Schlossgespenst" der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie ist ihm das Vexierbild zur schlecht verarbeiteten Nazi-Vergangenheit. Ohne die Verknüpfung der Bilder vom Vietnamkrieg mit denen der ungesühnten NS-Gräuel wäre die RAF nie denkbar gewesen, mutmaßte der Hamburger.
Obwohl Winkler das Vorhandensein zahlreicher Unstimmigkeiten und offener Fragen einräumte, vertrat er eine sehr entschiedene Haltung zu den Toten in Stammheim und Bad Kleinen. Die Überdeutlichkeit, mit der er sämtliche unklaren Todesfälle in der RAF als geschickte "Propaganda"-Suizide brandmarkte, erstaunte doch etwas. Aus dem Publikum kam dazu nicht der von ihm eigentlich erwartete Widerspruch. Wie in einen angeblichen Hochsicherheitsknast wie Stuttgart -Stammheim Schusswaffen hineinkamen, räumte Winkler von sich aus ein, das bliebe vielen Beobachtern in In- und Ausland ein Rätsel.
In sein 500 Seiten umfassendes Geschichtsbuch über die RAF hat Winkler viereinhalb Jahre Arbeit gesteckt. Über die Verarbeitung der vorliegenden Sachliteratur hinaus hat er viele lange Interviews mit Zeitzeugen darin verarbeitet. Entstanden ist ein gut lesbares dickes Buch, das jenes Kapitel der deutschen Zeitgeschichte erstmals schließen könnte.
 
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