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Text von Mittwoch, 14. November 2007

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 Zurückgefallen: Russland ist ein KGB-Staat 
 Marburg * (sts)
"Meine ehemalige Russisch-Lehrerin wurde mehrmals von ihrem Bruder verprügelt. Anzeigen konnte sie ihn nicht. Er ist schließlich Oberst beim russischen Geheimdienst", schilderte Boris Reitschuster eine von vielen Episoden über die Zustände im heutigen Russland. Der Leiter des Focus-Büros in Moskau stellte am Dienstag (13. November) im Historischen Saal des Rathauses sein Buch "Putins Demokratur - Wie der Kreml den Westen das Fürchten lehrt" vor.
Rund 100 Anwesende erlebten den packenden Erlebnis-Bericht eines wirklichen Russland-Kenners. Reitschuster lebt seit rund 15 Jahren mit seiner Familie in Russland.
"Das Land ist eine zweite Heimat für mich geworden", berichtete er. Eine zweite Heimat aber, in der vieles im Argen liege.
"Wladimir Putin hat in Russland ein charismatisches Regierungssystem nach KGB-Muster errichtet. Er hat alle Macht auf sich und seinen handverlesenen Führungskreis konzentriert."
Nach der Diktatur des Proletariats während der Sowjet-zeit existiere nun eine Diktatur des Apparates, einer Regierungskaste, die sich alles erlauben könne.
Reitschuster berichtete von einer gemeinsamen Kaukasus-Reise mit dem früheren Schach-Weltmeister und Oppositionsführer Garri Kasparow: "Wir wurden auf Schritt und Tritt von Agenten des FSB verfolgt. Überall versuchte man, uns Steine in den Weg zu legen." Eine unabhängige Medien-Landschaft existiere nicht. Überall würden Feindbilder konstruiert und ein extremer Nationalismus geschürt. Wie umfänglich die Manipulation funktioniere, demonstrierte er anhand einer Umfrage unter der russischen Bevölkerung nach dem Denkmal-Streit mit Estland zu Beginn des Jahres. 60 Prozent der Befragten hätten damals in dem kleinen Baltikum-Staat die größte Bedrohung für das gigantische Russland gesehen.
Die Verfolgung von Regime-Kritikern hat Reitschuster schon mehrfach am eigenen Leib zu spüren bekommen. Er zähle gar nicht mehr, wie oft er schon verhaftet worden sei. Einmal wäre er bei einer Demonstration fast überfahren worden. Ihm wurde auch mitgeteilt, dass er mit der Veröffentlichung seines Buches sein Todesurteil unterschrieben habe.
"Mir ist schon gelegentlich etwas mulmig zumute", gestand er ein. Allerdings hätten es seine russischen Kollegen noch weitaus schwerer als er selbst.
Im Westen werde die Situation in Russland nach wie vor unterschätzt. "Deutschland befindet sich besonders auf dem Energie-Sektor in einer zu großen Abhängigkeit von Russland. In 20 Jahren werden 80 Prozent der Gas-Lieferungen von dort kommen."
Reitschuster prognostizierte zudem eine kommende Gas-Krise, da die russischen Konzerne nicht in die Modernisierung ihrer Infrastrukturen investierten.
Er lobte aber die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die - im Gegensatz zu ihrem Amtsvorgänger Gerhard Schröder - immer wieder auf demokratische Grundwerte verweise und diese gegenüber Putin auch verteidige. Nur durch eine geduldige Politik nach dem Motto "Steter Tropfen höhlt den Stein" könnten demokratische Prozesse in Russland am Leben gehalten werden.
Auf die Präsidenten-Wahlen im kommenden Jahr könne man im Westen jedenfalls nicht hoffen. "Putin wird die Zügel in der Hand behalten. Daran besteht kein Zweifel", machte Reitschuster unmissverständlich klar.
 
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