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Text von Mittwoch, 24. Oktober 2007

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 Abgehoben: Gespräch der Religionen 
 Marburg * (mjb)
Religiöse Themen haben zur Zeit wieder Hochkonjungtur. Das war auch am Dienstag (23. Oktober) in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula der Alten Universität zu spüren. Dort fand das Marburger Gespräch der Religionen statt.
Unter dem Motto "miteinander - nebeneinander - gegeneinander" diskutierten der Großmufti von Syrien Dr. Ahmad Hassoun, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Marburg Amnon Orbach, der katholische Weihbischhof Dr. Hans-Jochen Jaschke und der evangelische Bischof Dr. Martin Hein. Die Veranstaltung wurde auf Initiative von Oberbürgermeister Egon Vaupel durchgeführt.
Die Vertreter der drei monotheistischen Weltreligionen stellten sich die Frage, ob und wie ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen Glaubens möglich sein könnte. Deshalb wurde auf dem Podium überwiegend Einigkeit demonstriert.
Großmufti Ahmad Hassoun wies auf die Gemeinsamkeiten von Christentum, Islam und Judentum hin und betonte, dass alle drei Religionen an den gleichen Gott glaubten. Abraham sei der Großvater aller Propheten. Gott sei ein Gott der Liebe und nicht des Krieges. Wer dazu aufrufe, Menschen zu töten, könne nicht gläubig sein.
Der Großmufti stellte den Menschen in den Mittelpunkt des Glaubens und bezeichnete ihn als "geheiligtes Gebäude". Der Mensch sei wichtiger als Kirchen, Moscheen und Synagogen.
Er forderte eine strikte Trennung von Politik und Religion. In diesem Zusammenhang sprach er dem internationalen Terrorismus die religiöse Motivation ab: "Terrorismus hat keine Religion, auch wenn er ein religiöses Gewand trägt."
Es sei die Aufgabe von Religionen, Frieden zu schaffen und Mauern einzureißen. Der Großmufti bezeichnete dafür den Fall der Berliner Mauer als Vorbild und wünschte sich einen gemeinsamen israelischen und palästinensischen Staat und keine Trennung der Menschen in zwei eigenständigen Staaten.
Auch Weihbischof Jaschke betonte, dass Religionen ein großes Friedenspotenzial in sich trügen, dass neu entdeckt werden müsse. Er bezog sich auf die Situation der 3,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslime. Jaschke bedauerte, dass der Dialog zwischen Christen und Muslimen in Deutschland erst am Anfang stehe. In der wachsenden Zahl interreligiöser Veranstaltungen sah er aber eine ermutigende Entwicklung.
Auch Jaschke forderte die unabhängigkeit der Religion von politischen Kontexten. Die positive Integration der Muslime sei notwendig: "Verliert euren Glauben nicht, aber lebt mit uns zusammen auf der Grundlage unseres Landes!"
Wer als Muslim in Deutschland Religionsfreiheit genieße, müsse sich auch für Religionsfreiheit für Christen in Ländern wie der Türkei oder Saudi-Arabien einsetzen.
Amnon Orbach schilderte seine positiven Erfahrungen mit dem Aufbau der jüdischen Gemeinde in Marburg. Zunächst sei es für ihn vor etwa 25 Jahren schwierig gewesen, jüdische Religion und Traditionen in Marburg zu pflegen, da fast alle jüdischen Bürger Marburgs im Nationalsozialismus umgebracht worden waren. Nach und nach habe er aber Kontakt mit anderen Juden bekommen. Mit der Unterstützung der Marburger Bevölkerung sei es möglich geworden, wieder eine jüdische Gemeinde aufzubauen.
Orbach führte den Bau der neuen Synagoge im Marburger Südviertel als positives Beispiel dafür an, dass ein friedliches Miteinander der Religionen möglich sei. Er bezeichnete die Religion als "einziges Mittel, um den Menschen Antworten auf Fragen der Existenz zu geben".
Man könne aber den Glauben niemandem von außen aufzwingen. Jeder solle nach seinem Glauben leben können. um friedlich zusammenleben zu können, sei es aber notwendig, sich gegenseitig kennen zu lernen und zu diskutieren.
Bischof Hein zeigte sich erfreut darüber, dass Religion wieder gesellschaftsfähig geworden sei: "Es ist nicht mehr peinlich, religiös zu sein!"
Der Bischof räumte aber ein, dass die Begegnung verschiedener Religionen nicht grundsätzlich friedlich sei, da für jeden ernsthaft Gläubigen seine Religion das Entscheidendste sei, was ihn bewege. Das friedliche Miteinander könne also nicht vorausgesetzt werden, sondern müsse als Ziel begriffen werden.
Dazu sei es erforderlich, seine eigene Position zu behalten und sich dennoch in die des Andersgläubigen hineinzuversetzen. Ehrlichkeit sei Voraussetzung für Klarheit und gute Nachbarschaft.
Dafür müssten schon in der Schule den Kindern die Religionen in ihrer ganzen Unterschiedlichkeit vermittelt werden, um gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. Hein forderte daher auch islamischen und jüdischen Religionsunterricht.
Eine wirkliche Diskussion kam auf dem Podium leider nicht zu Stande. Vielmehr stellte jeder der vier Religionsvertreter seine eigene Sicht auf das Problem der Verständigung der Religionen dar. Dabei wurde ein insgesamt sehr positives und recht unkritisches Bild von Religion gezeichnet.
Das gemeinsame Ziel der Verständigung und der friedlichen Koexistenz verhinderte letztlich einen ernsthaften Austausch kritischer und kontroverser Positionen. Es handelte sich um ein sehr theoretisches und visionäres Gespräch unter Gelehrten, das zwar viele positive und sehr wünschenswerte Denkansätze bot, aber gerade deshalb wenig mit dem realen Verhältnis der Religionen untereinander zu tun hatte.
Dass außerhalb von Gelehrten-Kreisen eine andere Wahrnehmung vorherrscht, wurde schon dadurch deutlich, dass die kritischen Fragen nicht auf dem Podium, sondern im Publikum angesprochen wurden. So wurde aus dem Publikum die Frage gestellt, wie denn die Vision eines gemeinsamen Staats von Israelis und Palästinensern zu verwirklichen sei.
Hassoun antwortete darauf, es müsse verhindert werden, dass Waffen ihren Weg in den Nahen Osten finden: "Hindern Sie ihre Regierungen, Waffen zu liefern!"
Der Nahe Osten sei das Land des Lichts und verboten für den Krieg. Ein syrischer Zuhörer wies darauf hin, dass im Irak zahlreiche Kirchen gesprengt worden seien und dass er erlebt habe, dass in Moscheen zum Mord aufgerufen worden sei und dass sich viele Prediger nicht vom Terrorismus distanzierten.
"Lassen sie uns zur Wirklichkeit zurückkehren", forderte er. Darauf reagierten Ahmad Hassoun und Amnon Orbach mit dem erneuten Aufruf, Religion und Politik zu trennen. Es dürfe keine politischen Predigten in einer Moschee geben.
Auch die Frage, wie die monotheistischen Religionen mit Buddhisten, Hindus oder auch mit Nichtgläubigen umgehen wollen, wurde auf dem Podium ausgespart und nur im Publikum gestelt. Darauf sagte Weihbischof Jaschke, der Dialog mit Atheisten müsse auf einer anderen Ebene geführt werden. Man müsse zwischen religiösen und nichtreligiösen Menschen unterscheiden. Religionen müssten fähig sein, mit Menschen umzugehen, die keine Religion haben.
Eine Diskussionsteilnehmerin aus dem Publikum erwiderte, man dürfe Nichtgläubige nicht auf eine andere Stufe stellen und die Reaktion der Religionen dürfe sich nicht darauf beschränken, Nichtgläubige zu missionieren.
Insgesamt war das Gespräch der Religionen eine Veranstaltung, die zu sehr vom Konsens bestimmt wurde und bei der das eigentliche Gespräch der Vertreter der Religionen untereinander etwas zu kurz gekommen ist. Dennoch ist es sehr positiv zu bewerten, Vertreter verschiedener Religionen an einen Tisch zu bringen.
Leider wurden die Möglichkeiten, die ein solches Gespräch bietet, längst nicht ausgeschöpft. Vielleicht wäre es für zukünftige Veranstaltungen empfehlenswert, nicht nur Gelehrte, sondern auch einfache Gläubige an der Diskussion zu beteiligen, die aus ihrer altäglichen Erfahrung sicher auch etwas realitätsbezogenere Beiträge einbringen könnten.
Auch die Einbeziehung von Nichtgläubigen und Religionskritikern würde den Horizont der Debatte erweitern. Das Gespräch der Religionen war letztlich ein guter Ansatz, der weiterverfolgt und weiterentwickelt werden sollte.
 
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