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Text von Dienstag, 27. Februar 2007

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 kritik an Schmidt: Zur Politik des Ex-Kanzlers 
 Marburg * (ule)
Selten war eine Podiumsdiskussion mit so ernstem Hintergrund so amüsant und unterhaltsam. Die Diskussionsveranstaltung des Aktionsbüros für außerordentliche Maßnahmen am Montag (26. Februar) glich beinahe einem Possenspiel. Dabei stand den Initiatoren, den Podiumsteilnehmern und den knapp 100 Interessierten der Ärger buchstäblich ins Gesicht geschrieben.
Anlässlich der Verleihung der Ehrendoktor-Würde an Helmut Schmidt hatten die Kritiker der Verleihung zu einer Gegenveranstaltung ins Hörsaalgebäude der Philipps-Universität eingeladen. "Wer war Helmut Schmidt", war die Frage, die ein hochkarätiges, fünfköpfiges Podium klären sollte.
Und so kamen der Marburger Politologie-Professor Frank Deppe, der Friedensaktivist Friedrich Martin Balzer, der Offenbacher Rechtsanwalt und langjährige Vertreter der SPD-Linken Manfred Coppik und die beiden Studierenden-Vertreterinnen Anna Franziska Stiede und Karin Zennig nacheinander zu Wort.
"Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen", leitete Deppe seinen Redebeitrag mit den Worten des Philosophen Immanuel Kant ein. Fast schon spöttisch schob er hinterher: "Hätten die Initiatoren sich ihres Verstandes bedient, wäre uns manche Peinlichkeit erspart geblieben!"
Der inzwischen emeritierte Professor hatte bis vor kurzem noch am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Philosophie gelehrt. Neben Prof. Reinhard Kühnl und Prof. Georg Fülberth stand er wie kein anderer für die Fortführung der marxistischen Tradition eines Wolfgang Abendroth.
Ausgerechnet dieser Fachbereich soll nun ausgerechnet Helmut Schmidt die Ehrenpromotion verleihen, konstatierte Deppe verärgert. Schmidt habe Zeit seines Lebens für den rechten Flügel innerhalb der SPD gestanden.
Eine verschärfte Sicherheitspolitik, eine Offenheit für nationalistische Positionen, eine harte und kompromisslose Linie gegenüber der Linken und ein gewisser Anti-Intellektualismus seien die Merkmale dieses Flügels, erläuterte Deppe.
Die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die Mehrheit der Studierenden und auch die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter des Fachbereichs 03 standen über Jahre für theoretische Positionen, die denen Helmut Schmidt diametral gegenüberstanden. Vor diesem Hintergrund sei die Verleihung der Ehrendoktor-Würde an den Altkanzler eine radikale Absage an die Geschichte des Fachbereichs. Offensichtlich solle - für alle sichtbar - die Botschaft ausgesendet werden, der Fachbereich 03 habe sich endgültig von seiner marxistischen Tradition verabschiedet, bewertete Deppe die Verleihung politisch.
Doch er bewertete nicht nur, sondern schilderte auch die peinliche Inszenierung im Fachbereichsrat. Normalerweise würde erst im Fachbereichsrat ein Promotionsvorhaben erörtert. Dann entscheide der Promotionsausschuss darüber und anschließend suche man nach Gutachtern. Bei Helmut Schmidt war es umgekehrt, umriss Deppe verärgert den Versuch des Philosophen Prof. Peter Janich, auf unüblichem Wege Mehrheiten für sein Vorhaben herzustellen.
Deppe provozierte lautes Gelächter beim Publikum, als er aus dem Gutachten von Karl Dietrich Bracher vorlas. Ein weiteres Gutachten stammte von Jürgen Habermas. Mit gerade mal dreieinhalb Sätze attestierte er dem Altkanzler vage philosophische Qualitäten, kam aber zu dem gleichen Ergebnis wie Bracher: Für den "Philosophen im Politiker" gebühre Schmidt die Ehrenpromotion.
Gekonnt spielte Deppe damit den Ball in die Hände von Friedrich Martin Balzer, der ihn sogleich aufnahm. "Wer zur Hölle ist Helmut Schmidt?", fragte Balzer spöttisch. Balzer war in den 80er Jahren Sprecher des Marburger Friedensforums. Und so erläuterte er verärgert, für welche außenpolitische Richtung Schmidt stand.
Wie kein anderer habe der "selbsternannte Hobby-Philosoph" Schmidt seit 1979 auf den NATO-Doppelbeschluss gedrängt und ihn durchgesetzt. Damit habe sein politisches Handeln die Welt an den Rand eines Atomkrieges gebracht, resümierte Balzer. "Wie heruntergekommen muss der Fachbereich 03 sein, der der politischen Bildung verpflichtet ist, jemanden wie Helmut Schmidt zu ehren", fragte der Friedensaktivist entrüstet in den vollen Hörsaal.
Ebenso entrüstet klang Hans Heinz Holz, dessen Grußwort Balzer am Ende verlas. Holz hatte von 1971 bis 1979 am Institut für Philosophie gelehrt. "Als ehemaliger Hochschullehrer für Philosophie fühle ich mich gekränkt", schrieb Holz. "Als Mitarbeiter eines Fachbereichs, der eng mit der Person Wolfgang Abendroths verbunden war, fühle ich mich provoziert".
Den Ausführungen Balzers folgten die beiden Studierenden-Vertreterinnen. Engagiert führten sie aus, wie wenig Helmut Schmidt mit den Zielen der Studierenden-Bewegung der letzten zwei Semester gemein habe. Schmidt stehe für Elite-Universitäten und Studiengebühren, erklärten Stiede und Zennig.
Den Abschluss machte Dr. Manfred Coppik. Er habe es sich nicht leicht gemacht, zu der Veranstaltung zu kommen, erklärte der Offenbacher. Zu fremd sei ihm die Welt der Orden und Ehrendoktor-Würden. Dass er trotzdem gekommen sei, habe unter anderem damit zu tun, dass er vor "ziemlich genau" 25 Jahren die SPD wegen der Politik von Helmut Schmidt verlassen habe.
In seiner Regierungszeit habe sich die Arbeitslosen-Zahl von eine Million auf zwei Millionen verdoppelt. "Das hing natürlich mit der weltwirtschaftlichen Situation zusammen", erklärte Coppik. Doch es stand die Entscheidung an, entweder im Konflikt mit den Kräften des Kapitals die Reform-Politik fortzusetzen, oder die Anpassungspolitik zu wählen. Schmidt stand für Anpassung, die er auf den Rücken der Bevölkerung austrug.
Die Kürzung des Kindergeldes, die Senkung der Vermögenssteuer bei gleichzeitiger Erhöhung der Lohnsteuer, Maßhalte-Appelle an die Gewerkschaften und die Notstandsgesetze gehen allesamt auf das Konto von Helmut Schmidt, resümierte der wohl prominenteste Schmidt-Kritiker. Coppik endete mit einem historischen Verweis auf das Datum der Verleihung und sorgte noch einmal für Gelächter: "Das die Verleihung der Ehrendoktor-Würde mit dem Geburtsdatum des Kaisers Wilhelm zusammenfällt, verleiht dem Ganzen eine zusätzliche historische Würze", schloss Coppik.
Amüsiert und entrüstet zugleich stellte er fest: "Helmut Schmidt wird das nicht stören".
Die Kritiker der Ehrung rufen zu einer Protest-kundgebung mit anschließender Demonstration am Dienstag (27. Februar) um 15 Uhr Am Hirschberg auf.
 
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