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Text von Sonntag, 2. Dezember 2007

> k u l t u r<
  
 Hiebe statt Liebe: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? 
 Marburg * (fjh)
Ein kleiner - aber nerviger - Mangel durchzieht die jüngste Inszenierung des Hessischen Landestheaters vom Anfang bis zum Ende: Der Hauptdarsteller kann den Namen seiner Gegenspielerin nicht richtig aussprechen!
Ansonsten aber bewies die Premiere von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" im ausverkauften Theater am Schwanhof (TaSch 1) schauspielerisches Können und inszenatorisches Geschick. Karl Georg Kayser hatte das Drama von Edward Albee dort am Samstag (1. Dezember) auf die Bühne gebracht.
Martha und George kommen wieder einmal betrunken nach Hause. Sie beschimpfen einander in einer Form, die zwischen ihnen nach gut 20 Ehejaaren schon zu einem Ritual geworden ist. Doch dann eröffnet Martha ihrem Gatten, dass sie noch Gäste erwartet.
Georges junger Kollege Mick und seine Frau klingeln an der Haustür. Gemeinsam trinken die vier weiter.
Martha beschimpft ihren Mann als Versager. George widerum beschimpft Mick als Karrieristen. Der entblößt seine Frau in ihrer Abwesenheit vor dem älteren Kollegen durch das Geständnis, das er sie nur geheiratet habe, weil sie schwanger gewesen sei. Dann habe sich aber herausgestellt, dass es nur eine Schein-Schwangerschaft war.
Brutal und verletzend gehen alle miteinander um. Sie schreien, schimpfen und schenken einander noch einmal ein.
George aber hat Martha ernsthaft gewarnt, nichts von ihren gemeinsamen Geheimnissen zu erzählen. Doch Martha bricht die Regeln. Das wird schlimme Folgen haben.
Zwar kommt Kaysers Inszenierung nicht an die legendäre Verfilmung des Stoffs mit Elizabeth Taylor und Richard Burton heran, doch hat Kayser eine durchaus sehenswerte Bühnenfassung zusammengestellt. Das Bühnenbild von Eberhard Matthies war schlicht, aber funktional. Es zeigte einen Tisch, ein paaar Stühle, ein Bücherregal und einen Kühlschrank. Vor allem dort bewegte sich George immer, wenn er einem der anderen Getränke mixte.
Auch an diesem Abend ragte Uta Eisold als Martha durch ihre Wandelbarkeit von der brüllenden brutalen Haustyrannin zum ängstlich jammernden Töchterlein des Universitätsrektors aus der Riege der Darsteller heraus.
Peter Radestock mimte ihren Ehemann George in einer Mischung aus eiskalter Berechnung und tief gekränktem Stolz. Allerdings hätte er entweder das britische "Th" vorher besser üben oder den Namen seiner Frau deutsch aussprechen sollen. Jedem Englischkurs-Absolventen tut sein scharfes s in Marthas Namen regelrecht in den Ohren weh.
Auch Franziska Knetsch bewies an diesem Abend ihr schauspielerisches Talent. Sie gab die schüchterne und verklemmte Göttergattin ebenso überzeugend wie die verbitterte Ehefrau.
Peter Meyer als Mick schließlich füllte seine Rolle mit List und Tücke. Wie er George seine Karriere-Absichten eingestand und boshaft über seine Frau redete, das zeigte sein Talent als Darsteller doppelbödiger Charaktere.
Die Ehe als Krieg von Menschen, die einander lieben und einander dabei doch oft tief verletzen, hat Edward Albee in seinem modernen Klassiker in einer beunruhigenden Form karikiert. Das wahre Geschehen hinter den gesellschaftlich erwarteten Fassaden ist sein Thema. Mit Witz und Hintersinn präsentierten die vier Marburger Darsteller diesen zeitlosen Stoff eindringlich und kurzweilig zugleich.
Und vielleicht wird Radestock bis zur nächsten Aufführung ja noch einmal das britische "Th" üben? Dann spätestens wäre das Ganze wohl eine runde Sache. Das Publikum jedenfalls sollte keine Angst haben vor Virginia Woolf.
 
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