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Text von Samstag, 24. November 2007

> k u l t u r<
  
 Funke sprang über: Herr der Diebe erfreute Kinder 
 Marburg * (fjh)
Erwartungsvolle Spannung herrschte am Samstag (24. November) im Erwin-Piscator-Haus (EPH). Knapp 400 - überwiegend kleine - Zuschauer freuten sich dort am Nachmittag auf die Premiere des Kinder-Theaterstücks "Herr der Diebe" nach dem Bestseller-Roman von Cornelia Funke.
"Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war, ein Kind zu sein. Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein. Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?" Diese Frage steht am Anfang der Aufführung.
"Stella" steht über dem Vorhang. Irgendwo sieht man Kino-Sessel. Mit wenigen Utensilien hat Bühnenbildner Axel Pfefferkorn den wichtigsten Ort der Handlung charakterisiert. Das "Sternen-Versteck" der Kinder ist ein ehemaliges Kino.
Venedig ist Schauplatz der Geschichte um die beiden Brüder Prosper (Florian Federl) und Bonifatius (Stefan Piskorz). Der Jüngere wird auch nur kurz "Bo" genannt.
Vor ihrer pedantischen Tante Esther Hartlieb (Christine Reinhardt) sind die beiden aus Hamburg in die Lagunen-Stadt geflohen, die ihre verstorbene Mutter so sehr geliebt hatte. Dort treffen Prosper und Bo auf Straßenkinder, die in dem alten Kino einen passenden Unterschlupf gefunden haben.
Scipio (Matthias Zeeb) versorgt sie mit allem Notwendigen. Das Geld dafür beschafft er durch Kunst- und Antiquitäten-Diebstähle. Scipio ist der "Herr der Diebe".
Den Jungen achten und lieben die anderen Kinder der Bande vom "Sternen-Versteck". Gerne wären auch sie so wie ihr geheimnisvoller Freund.
Derweil hat die vereinnahmende Tante aus Hamburg den Detektiv Victor Getz (Jürgen-Helmut Keuchel) damit beauftragt, ihre beiden Neffen Prosper und Bo zu suchen. Fotos der beiden Jungs führen ihn schließlich auf die Fährte der Ausreißer. Mit etwas Scharfsinn findet er schließlich auch das geheime "Sternen-Versteck".
Doch die Kinder können ihn dank der mutigen Wespe (Franziska Endres) überwältigen. In einen Teppich eingerollt, verrät er der Bande aber die Wahrheit über den gerade abwesenden Scipio.
Enttäuscht müssen die Kinder feststellen, dass ihr Anführer sie belogen hat. Hat er die Kunstgegenstände in Wirklichkeit vielleicht gar nicht gestohlen? Ist er vielleicht gar kein "Herr der Diebe"?
Doch der alte Conte (Stefan Gille) hat ihm einen mysteriösen Auftrag erteilt, den alle trotz der Zweifel erfüllen möchten: Der "Herr der Diebe" soll ihm einen Flügel stehlen, den er sich seit vielen Jahren schon sehnlich wünscht.
Dieser Flügel fehlt an einer Figur des geheimnisvollen Karrussells, das vor vielen Jahren aus einem Kinderheim gestohlen worden war. Der Legende nach können Kinder, die auf ihm mitfahren, nach wenigen Runden sofort erwachsen werden, während Erwachsene durch eine Fahrt auf dem Karrussell zu Kindern werden.
Eine spannende und geheimnisvolle Geschichte nimmt ihren Lauf. Regisseur David Gerlach hat sie kindgerecht erzählt mit vielen netten kleinen Gags und einer gehörigen Portion Phantasie.
Geholfen hat ihm dabei der Bühnenbildner Axel Pfefferkorn mit einem zauberhaften Satz stimmungsvoller Kulissen. Sie zeigen nicht nur Venedig und den Markus-Dom, sondern auch das Hausboot des Detektivs Victor oder eine typische venezianische Gondel.
Auch die Schauspieler haben ihre Spielweise dem jungen Publikum ab sechs Jahre angepasst. Besonders beeindruckt hat hier Matthias Zeeb in der Hauptrolle als der junge "Herr der Diebe". Aber auch Christine Reinhardt kontne durch ihre Wandelbarkeit als Etepetete-Tante Esther Hartlieb einerseits oder als die gutmütige Ida Spavento andererseits überzeugen.
Viele Waisenkinder wünschen sich Eltern, während andere Kinder sich manchmal wünschen, nicht so sehr von ihren Eltern vereinnahmt zu werden. Kinder möchten gerne ganz schnell erwachsen werden, wohingegen Erwachsene am liebsten noch einmal Kind sein möchten. Diese Widersprüche hat das Stück gut und zugleich kindgerecht herausgearbeitet. Funkes phantasievolle Geschichte um Freundschaft, vertrauen und Ehrlichkeit hat in dieser Bühnenfassung eine gelungene Entsprechung gefunden.
Das wussten auch die - überwiegend jungen - Zuschauer durchaus zu würdigen, die dem Ensemble am Samstagnachmittag mit langanhaltendem begeisterten Applaus für 80 spannende, heitere und vor
allem phantasievolle Minuten dankten. Dieser Funke ist wirklich übergesprungen.
 
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