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Text von Sonntag, 11. November 2007

> k u l t u r<
  
 Steh grod: Wolfgang Ambros überzeugte 
 Marburg * (fjh)
"I bin´s net", war die Antwort von Wolfgang Ambros auf die Frage "Spielen Sie auch was von Dylan?" Fast drei Stunden lang begeisterte der österreichische Singer-Songwriter am Sonntag (11. November) in der vollbesetzten Marburger Stadthalle sein Publikum.
Mit seinem aktuellen Song "Steh grod" forderte er das Publikum zu Beginn auf, aufzustehn und nach vorne zu schaun. Doch gleich nach diesem Lied erklärte der "Austro-Rocker", er wolle die Erwartungen des Publikums erfüllen und seine neuen Songs nur hier und da in das Programm des Abends einstreuen.
Den roten Faden knüpfte er dabei chronologisch: Mit seinem allerersten Hit "Dahofa" aus dem Jahr 1971 begann er eine lockere Retrospektive auf gut 35 Jahre Bühnen-Erfahrung.
Als dritte Nummer folgte sein erstes selbst getextetes Lied "Das Foto" von 1972. Nach dem Erfolg der ersten Single habe man ihm damals "eine Langspielplatte abgetrotzt", kokettierte Ambros mit seiner damaligen Karriere.
Weitere Hits folgten. In diesem Potpourri durfte natürlich auch sein Lied "Es lebe der Zentralfriedhof" nicht fehlen. Rockiger kam dieser Song daher als früher und immer wieder mit einem eingestreuten "Happy Birthday".
Mitten im Text dann stockte Ambros, um dem Publikum die Entstehungsgeschichte des Stücks zu erzählen: Entstanden war das Lied zum 100. Geburtstag des Wiener Zentralfriedhofs. Das sei jetzt immerhin auch schon gut 30 Jahre her, meinte der Musiker.
Der Song beschreibt die Jubiläums-Feier auf dem Friedhof, zu der "eine Band - natürlich wir" - aufspielt und die Toten zum Tanz ihre Gräber verlassen. Nur ein Grab ist noch geschlossen. Das ist die letzte Ruhestätte von Leo Slezak.
"Mein Vater hatte einen Plattenspieler", berichtete Ambros. "Und er hatte ungefähr zehn Schallplatten. Eine davon war eine Sammlung vom Opern-Arien mit Leo Slezak."
Schon als Neunjähriger habe er diesen Tenor bewundert. Vielleicht habe das ihn ja motiviert, selber auch einmal Sänger zu werden.
Später habe er dann eine Biografie Slezaks gelesen. Darin habe gestanden, dass der berühmte Tenor immer zu spät gekommen sei. Nicht nur zu Proben, sondern selbst zu Auftritten sei Slezak oft zu spät erschienen.
Und so entsteigt Slezak in Ambros´ Lied auch erst dann seinem Sarg, als die anderen Gerippe alle schon fröhlich feiern. Doch dann singt er so schön, dass kein Auge trocken bleibt!
Das Belcanto des Tenors imitierte Ambros am Schluss seines Exkurses auf eindrucksvolle Weise. Mit ein wenig Hall unterlegt, hatte seine Stimme noch die ganze Klangstärke und Ausdruckskraft eines jugendlichen Heldentenors. Dabei ist der Österreicher inzwischen schon 55 Jahre alt.
Wegen seines Alters wollte Ambros auch nicht auf das Textblatt verzichten, als er wenig später ein neues eigenes Lied vortrug. So setzte er sich seine Lesebrille auf und begann mit der bedauernden Begründung, er habe eine "Tendenz zur Demenz". Natürlich war das nur der Titel eines selbstironischen Lieds über das Altern.
"Mir san wieder auf Tour", sang Amnbros danach. Inzwischen koste ihn das "eine Heidenkraft". Statt Bier trinke er jetzt nur noch Apfelsaft. Er gehe nach dem Konzert auch sofort ins Bett. Doch immer noch genieße er die Auftritte.
Diese Freude strahlte der Austro-Pop-Star den ganzen Abend über ungebrochen aus. Und er teilte sie mit dem Publikum, das immer wieder einmal Textpassagen mitsang.
Ambros sang Lieder von Hans Moser nach wie das von der Reblaus, die er in einem früheren Leben wohl einmal gewesen sein müsse. Oder er erklärte: "Mein Naserl ist so rot, weil ich so blau bin".
Dazwischen streute er seine bekannten Hits ein wie "Woran, meine Liebe, glauben wir noch?", "Zwickt´s mi!", "Langsam wochs´ ma z'amm", "Verwahrlost aber frei" und "Die Blume vom Gemeindebau" oder "Weiß wie Schnee".
"A Mensch möcht´ I bleiben", wünschte sich Ambros zum Schluss. Er wolle noch einiges verwirklichen, von dem er träumt. Und er wolle nicht vor der Glotze enden, wo er das wirkliche Leben versäumt.
Eindrucksvoll war dieser Abend nicht nur wegen der gehaltvollen Texte und der sonoren Stimme des Sängers. Auch der Keyboarder Günter Dzikowski überzeugte mit seinem Spiel, das er manchmal gleichzeitig an zwei Instrumenten mit je einer Hand vollführte.
Tosender Applaus verlangte den insgesamt sieben Musikern am Ende noch sieben Zugaben ab. Ruhe gab das Publikum aber erst, als "Skifahrn" ertönte. Den Text sangen die Anwesenden im Saal dann aber fast vollständig selber.
Doch danach verabschiedete sich Wolfgang Ambros mit einem weiteren Song von Bob Dylan: "For ever young" heißt in seiner österreichischen Version "Für immer jung". Und "wenn Du willst, ja dann bleibst Du für immer jung!"
Die meisten der Konzertbesucher mögen sich an diesem Abend wirklich jung gefühlt haben, wenngleich das Durchschnittsalter zwischen 40 und 60 lag. Begeisterungsfähig war dieses Publikum allemal. Aber das war bei diesem Programm auch kein Wunder.
 
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