Sie sind hier: marburgnews >
Heute ist Donnerstag, 9. April 2020

Text von Montag, 15. Oktober 2007

> k u l t u r<
  
 Unliebsame Ordnung: Katalonischer Autor Palol las 
 Marburg * (jnl)
Einen herausragenden Autor des Gastlandes Katalonien präsentierte "Literatur um 11" am Sonntag (14. Oktober) im Caf‚ Vetter mit Miquel de Palol. Frisch von der Frankfurter Buchmesse 2007 brachte der vielfach preisgekrönte Schriftsteller seinen fulminanten 1100-Seiten-Roman "Im Garten der sieben Dämmerungen" mit.
Das im katalanischen Original bereits 1989 erschienene Opus Magnum kam jüngst in exzellenter Übersetzung auf Deutsch heraus.
Ludwig Legge von der Neuen Literarischen Gesellschaft (NLG) ließ es sich nicht nehmen, als Intro kurz den Konflikt der katalanischen Kultur mit der spanischen auszuleuchten. Deutlich wurde dabei, wie schwer es für ein vier Millionen Muttersprachler umfassendes Volk offenbar ist, von außen als wirklich eigenständig wahrgenommen zu werden.
Der Schriftsteller Palol gab daraufhin den rund 40 Zuhörern eine Leseprobe von zwei Romanseiten in katalanischem Idiom. Ein gegenüber dem Spanischen entschieden weicherer, musikalischerer Tonfall fiel dabei auf. Einen nachdrücklichen Eindruck von der Qualität des Romans verschaffte der NLG-Vorsitzende dem Publikum mit der Lesung eines ganzen Kapitels aus der deutschsprachigen Ausgabe.
Die "Geschichte des Ordnungsbesessenen" führte in humorvoll geschilderten Episoden eine fortschreitende Zwangsneurose vor Augen. Nur die Kraft der Verliebtheit durchbricht dabei vorübergehend das Gefangensein in den fatalen eigenen Gewohnheiten Die Ehe hält der Krankhaft gesteigerten Kontrollwut nicht stand. Alles geht verlorkn, wenn jemand wie hier der vermeintlichen Sicherheit wegen die innere und äußere Freiheit opfert.
Das vorgestellte Kapitel ist ein besonders durchgängiges in einem sacht an Boccaccios Decamerone angelehnten Reigen aus kunstvoll verknüpften Geschichten. Die über 1100 Seiten des Romans sind eine unterhaltsame literarische Herausforderung für Menschen mit genügend Zeit.
In der Runde mit Fragen aus dem Publikum stand die gefühlte Existenzbedrohung der katalanischen Sprache im Mittelpunkt. Auf Katalanisch statt auf Spanisch schreibe er, äußerte Palol, weil er sich seiner Muttersprache eben zugehörig fühle. In früheren Jahrhunderten sei Katalanisch sehr viel selbstverständlicher gleichberechtigt gewesen. Die große Tradition gerate in der Gegenwart durch die Übermacht der spanischen Medien und den Zuzug vieler Menschen in das ökonomisch prosperierende Land unter Druck. Das hätten selbst die Sprachverbote unter dem ersten Bourbonen-König und zuletzt unter dem diktatorischen Franco-Regime nicht geschafft. Ausgezeichnet gedolmetscht durch die Romanistin Kirsten Süselbeck kam auch die Frage nach dem möglichen Einfluss des Österreichers Thomas Bernhard an. Er kenne den Autor gut, sagte Palol und verneinte zugleich einen Einfluss auf diesen Roman. In seinen Lyrikbänden gehe es melancholisch um die großen Gefühle von Liebe und Tod, bekannte er. Seine Essays und Kolumnen hingegen seien zeitnahe Statements zu Politik und Kultur der katalanischen und internationalen Gegenwart.
NLG-Mastermind Ludwig Legge rief abschließend dazu auf, den von der Eurokratie bedrohten kleineren Kulturnationen wie Katalonien künftig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
 
 Ihr Kommentar 


Kultur-Archiv






© 2007 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg