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Text von Sonntag, 14. Oktober 2007

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 Was Ihr wollt: Heiterer Abend mit Shakespeare 
 Marburg * (atn)
Ein Abend für lustige Narren, leidenschaftliche Herzen und Liebhaber des Versteckspiels war die Premiere des Stückes "Was Ihr wollt" am Samstag (13. Oktober) in der Stadthalle. Die Komödie von William Shakespeare präsentierte das Hessische Landestheater Marburg dort in einer Inszenierung von Peter Radestock. Sie war nach "Schändung" bereits die zweite Shakespeare-Premiere an diesem Abend.
Das etwa zweistündige Stück ist um 1600 entstanden. Damals saß das kunsthungrige Publikum nicht wie heute ordentlich im Gestühl. Theater war zu Shakespeares Zeiten eine Art Zeitvertreib für die breite Masse ohne Anspruch auf einen irgendwie gearteten Bildungseffekt. So tummelte sich vom kleinsten Schuhputzer bis zum adeligen Königsgeschlecht alles mehr oder weniger direkt vor der Bühne und wollte unterhalten werden - und selbst mit unterhalten.
Dementsprechend steckt auch "Was Ihr wollt" voller kleiner Narrenstreiche, Belustigungen und Gezeter. Es spielt in dem imaginären Land "Illyrien", in das man nur durch Schiffbruch gelangt. In Illyrien tummeln sich glücklich und unglücklich Verliebte, Narren und Trinker. Sie alle lieben die Maskerade.
Peter Meyer war als Orsino oder Herzog von Illyrien mehr oder weniger der einzige Ruhepol in diesem Stück, obwohl auch ihn seine so grausam unerwiderte Liebe zu der reichen Gräfin Olivia ab und an zum Rasen brachte. Olivia, dargestellt von Regina Leitner, war das Stück Exotik in der Komödie. Scheinbar eben einem Katalog für extravaganten Bedarf zur Befriedigung allzu menschlicher Bedürfnisse entstiegen, tigerte sie über die Bühne. Ob es darum ging, die Liebe des Herzogs zurückzuweisen oder ihren Onkel Sir Toby Rülps für seine Sauferei zu strafen, stets zeigte die schwarze, geheimnisvolle Schönheit ihre Krallen.
Der ernstzunehmendste Konkurrent des Herzogs in seiner Werbung um die Gräfin war sein eigener Laufbursche. Eigentlich handelte es sich dabei um eine Frau, nämlich Viola, dargestellt von Franziska Endres. Sie war in Illyrien gestrandet und hatte sich aufgrund höherer Überlebenschancen für ein Dasein in Männerkleidern entschieden. Als Cesario diente sie ab dann dem Herzog und übernahm für ihn vergebliche Botengänge zum Herzen Olivias.
Selbst unsterblich in den Herzog verliebt fiel es dem Laufburschen schwer, bei der Gräfin für ihn zu werben. Und noch komplizierter wurden verständlicherweise die Besuche bei ihr, als sich herausstellte, dass Cesario selbst ihr Herz in Brand gesteckt hatte.
Jürgen Helmut Keuchel war als Sir Toby Rülps gemeinsam mit seinem farblosen Schatten, Sir Andrew Bleichenwang der unschlagbare Anlass zum Lachen. Der bunte Vogel mit kugelrundem Leibesumfang und stets genug Sprit in der Birne hat in dem ganzen Durcheinander seinen Humor nie verloren. Sogar sein Begleiter und Saufbruder Andrew, dargestellt durch Stefan Gille, konnte es nicht schaffen, Sir Toby aus der Haut fahren zu lassen. Dabei war Sir Andrew alles andere als anspruchsvolle Gesellschaft. Wie ein frisch aus Indien zurück gekommener Hippie in weiten weissen Kleidern und langen gelben Haaren tänzelt er über die Bühne und artikulierte seine so langsamen Gedanken mit einer noch viel langsameren Sprache. Ob es darum ging das Herz der Lady Olivia zu erstürmen oder den Burschen des Herzogs zum Duell herauszufordern: Sir Andrew war nicht nur geistig sehr zurückhaltend.
Das ganze Gegenteil stellte der Hofnarr Fabian dar. Stefan Piskorz spielte überzeugend und mit einem beeindruckenden Körperausdruck den auf den ersten Blick verrücktesten Mann in dieser Komödie. Wie sich aber später heraus stellen sollte, analysierte Fabian mit einem wachen Verstand jede Situation und redete sein Gegenüber mit einer Flut rasanter Wortspiele an die Wand.
Hochachtung bei dem närrischen Trio genoss Olivias Kammerzofe Maria, dargestellt von Christine Reinhardt. Sie war sich nie für einen Spaß zu schade und versorgte die Trinker regelmäßig mit lebensrettender Flüssigkeit, auch wenn sie dafür das Geschrei des Haushofmeisters Malvolio über sich ergehen lassen musste. Der von Markus Klauk gespielte Stinkstiefel verspielte sich sämtliche Sympathien und wurde von Maria arg hinters Licht geführt. Aufgrund eines gefälschten Briefes nahm er an, die Gräfin sei vor Liebe für ihn am Vergehen. Seine Reaktion darauf brachte das Publikum mehr als einmal herzlich zum Lachen.
Gelöst wurde der verwirrende Beziehungsknoten erst kurz vor Ende des Stücks, als der Zwillingsbruder des weiblichen Burschen Cesario, Sebastian, in Illyrien eintraf. Zwar hatte Florian Federl mit diesem Charakter nur einen kurzen Auftritt, aber in dieser Zeit schaffte er es immerhin, zwei Köpfe blutig zu schlagen und im armen Bleichenwang das Heimweh endgültig zum Überlaufen zu bringen. Nebenbei verbrachte er noch eine heißblütige Nacht mit der schönen Gräfin und machte sie danach zu seiner Frau.
Ohne Ausnahme lieferten an diesem Abend alle Schauspieler eine grandiose Vorstellung ab. Der Zweck des Stücks - das lachende Publikum - wurde nicht verfehlt. Die Stimmung steigerte sich bis zum Ende, so dass nach einer Lachsalve manchmal kurze Pausen gemacht werden mussten, bis wieder Ruhe im Theatersaal eingekehrt war.
Wie zu Shakespeares Zeiten war auch die Bühne sehr karg und schmucklos gehalten. Das graue Bühnenbild vermittelte den Eindruck einer Straßenszene und umrahmte das Geschehen gut. Die graue Mauerecke konzentrierte den Blick des Publikums außerdem auf die Schauspieler und ihren teilweise sehr eigentümlichen Aufzug.
Bevor das Gelächter vor einem langen Applaus zu Ende ging, erinnerte der Hofnarr noch mit einem kleinen Liedchen an der Gitarre daran, dass das Leben nicht nur aus Komödien bestehe. Mag man es verstehen wie man will, aber vielleicht steckte in diesem letzten Lied der einzig hintergründige Moment in dem Shakespeare seinen Zuschauern zeigen wollte, mit was für einem Tumult man seine Lebenszeit vertun kann.
 
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