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Text von Mittwoch, 10. Oktober 2007

> k u l t u r<
  
 Kriminalautor: Schelmischer Schwede im TTZ 
 Marburg * (jnl)
Eine Lichtgestalt des schwedischen Kriminalromans sorgte am letzten Tag des Marburger Krimi-Festivals 2007 im Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) für einen vollen Saal. Der 44-jährige Arne Dahl genoss am Dienstag (9. Oktober) bestens aufgelegt seinen Auftritt. Er stellte in Marburg sein aktuelles Werk "Ungeschoren" vor.
Mit diesem Roman liegt jetzt der sechste Band seiner zehnbändigen Reihe um eine fiktive Elite-Einheit der Stockholmer Kriminalpolizei in deutscher Übersetzung vor. Nur für Schwedisch-Könner gibt es die Kult-Reihe über die "A-Gruppe" bereits komplett zu lesen.
Dahls Bücher sind mittlerweile in zwölf Sprachen erschienen. Den Abend eröffnete eine Lesung unmittelbar aus der deutschen Ausgabe. Der Marburger Buchhändler Michael Wolf löste die ihm gestellte Aufgabe mit Bravour. Seine Intonation brachte die Gefühlsdynamik der überaus witzigen Szenenfolge des siebten Kapitels gut heraus.
Geschildert wurde das Geschehen auf einem Stockholmer Spielplatz. Eine etwas panische Mutter ruft auf ihrem Handy die Polizei an. Sie fühlt sich und ihr Kleinkind bedroht durch einen Ausländer, dessen Kinderwagen sie für Tarnung hält.
Der Wachhabende erklärt ihr nach ihrer Personenbeschreibung lachend, dass sie dort einen Polizisten im Erziehungsurlaub zu Unrecht verdächtigt habe. Schlaflose Eltern, deren Babys die ganze Nacht gebrüllt haben, können anderen leicht seltsam vorkommen.
Dann weitet der Autor das Blickfeld und beschreibt den heimlichen, kriminellen Beobachter, der zur gleichen Zeit den Polizisten observiert hat. Die kunstvolle Dramaturgie des Kapitels ist ungemein spannend und zugleich von großer Situationskomik.
Im Anschluss an diesen Lese-Teil übernahm die Skandinavistin Gunilla Rising-Hinz das Steuerruder. Sie stellte dem Schriftsteller ein ganzes Bündel ausgefuchster Fragen. Es stellte sich heraus, dass Jan Arnald alias Arne Dahl selber ein promovierter Literaturwissenschaftler und erfahrener Literaturkritiker ist. Auf das Romanschreiben im Krimi-Genre kam er, weil ihm die Reichweite des Fachwissenschaftlers nicht genügte.
Der Autor hat in den vergangenen neun Jahren zehn Krimis und zwei weitere Romane herausgebracht. Diese absolut ungewöhnliche Produktivität stieß auf die staunende Nachfrage der Interviewerin, wie er denn das nur schaffe. Schelmisch grinsend, sagte er dazu, dass er eben sehr schnell schreibe. Er brauche rund vier Monate für die recherchierende Vorbereitung und dann noch mal die gleiche Zeit für die Niederschrift des Buches. Das Schreiben selber sei für ihn ein reines Vergnügen.
Woher er denn all die Spezialkenntnisse aus der Welt der Kriminalpolizei habe, wurde er gefragt. Da gebe es sehr gute Fachliteratur, lautete die Antwort, schließlich sei die Polizeihochschule in Stockholm gut zugänglich. Direkte Rückkopplung zur schwedischen Reichspolizei habe er nicht.
Wird der Kriminalroman zukünftig immer brutaler, fragte ihn sichtlich besorgt die Lektorin. Nicht wirklich, meinte er dazu, aber das Thema Brutalität sei eine ständig wiederkehrende Frage. Er jedenfalls achte darauf, niemals rein zu Unterhaltungszwecken Gewalt einzubauen. Wenn sie bei ihm vorkomme, dann damit der Leser die reale Dimension spüre und ernstnehme.
Das sich mit der Globalisierung stetig verschärfende Gesellschaftsklima habe ihn auch zum Krimi-Schreiben getrieben. Die Moral im schwedischen Modell des "Volksheims" sei angeknackst, aber für ihn als Schriftsteller zugleich hoch motivierend.
Nach einer kurzen Pause las Wolf ein weiteres Kapitel. Damit man den Tonfall des schwedischen Originals hören konnte, las der Schriftsteller selber eine Passage, die man vorher schon auf Deutsch genossen hatte.
Danach hatte auch das 150-köpfige Publikum Gelegenheit, eigene Fragen zu stellen. Verfilmungen gebe es noch nicht, aber sie seien in Vorbereitung, kündigte Dahl an. Für Theaterstücke habe er bislang schlicht keine Zeit gefunden.
Als die Krimi-Schreiber, die das Genre in den letzten Jahren am stärksten erneuert hätten, nannte er die US-amerikanischen Kollegen Dennis Lehane und James Ellroy.
Begeistert von der schelmischen, kommunikationsfreudigen Art, mit der sich Arne Dahl seinem Publikum präsentierte, erntete er am Schluß eine Menge Beifall. Ein guter Teil der Signier-Bücher war schließlich ausverkauft.
 
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