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Text von Samstag, 7. July 2007

> k u l t u r<
  
 Dabeisein ist alles: Streifzug über ein Stadtfest 
 Marburg * (ute)
"Es ist doch klar, was wir alle hier wollen", sagt Birgit Wolf zu meinen neugierigen Fragen ärgerlich erstaunt, "wir wollen verkaufen." Sie hat originelle Hüte aus Filz hergestellt. Außerdem wirbt sie für Kurse in ihrer Werkstatt. Klare Linie bei der Textilkünstlerin aus Grünberg.
Glänzende Kinderaugen wird Hans Werner Gierschek mit seinem Stand im Schlosspark bescheren. Er bietet indianischen Wandschmuck aus sich spiegelnden Materialien an. "Relaxen" will er auf dem Stadtfest, "Publikum und Ambiente genießen."
Er leistet seinen Beitrag dazu. Seine Stoff-Stühle, die nach dem Hängematten-Prinzip an einer Stange baumeln, heißen "just-relax".
"Hängengeblieben bin ich nicht in Marburg", gesteht mir der ehemalige Marburger ein, "aber die Stadt mag ich!"
Gefährlich lebt Sabine Moshammer. Sie sammelt gezwirbelte Äste, in die sie eine Anthrazit-Miene einschiebt, um sie dann als Bleistift zu verkaufen. Auf ihrer Suche muss sie in unwegsame Waldgebiete vorstoßen. "Zecken gibt es da viele. Drei bis fünf Stück pro Jahr am Körper sind der Durchschnitt."
FSME- gefährdete Marburg-Biedenkopfler wissen, wovon sie redet. Beruhigend ist, dass sie sich auch noch in einer Keramik-Werkstatt betätigt.
In einen polnischen Familienbetrieb von den Masuren hat sich Dieter Gewers eingeheiratet. Er ist Bernstein-Handwerker und bietet solchen Schmuck an seinem Stand auf dem Stadtfest an.
"Dieses organische Gestein ist das fossile Blut eines Baumes", erklärt er mir, "der Baum schließt und desinfiziert damit seine Wunden."
Neben Halsketten, Armbändern und Ohrringen bietet er deswegen auch Baby-Zahnketten an, die kleine Kinder in den Mund nehmen können, um so Zahnweh zu mildern.
"Über das Stadtfest kann ich wenig sagen", gesteht mir der gebürtige Deutsche ein, "als ich letztes Jahr zum ersten Mal hier war, war es so windig, dass ich die ganze Zeit auf dem unteren Rand meiner Zeltplane stehen mußte, damit mir das Zelt nicht wegflog!"
Bernstein-Handwerker sind also auch als lebende Steine nützlich. Gut zu wissen!
Ein wirkliches Original sind die Kampfschnecken von Karin Mussmann. Sie kommt schon seit 10 Jahren zum Stadtfest nach Marburg. "Kampfschnecken müssen gut gerüstet sein", erklärt sie mir, "denn ein Schneckenkampf ist gemein, weil er sehr lange dauert. Die Schnecken brauchen ja mindestens drei Tage, bis sie sich aufeinander zu bewegt haben. In der Zeit ist die eine Hälfte des Publikums schon eingeschlafen und die anderen sind am Wett-Streit verreckt. Außerdem ist der Kampf gnadenlos, denn die eine schleimt die andere Kampfschnecke rücksichtslos zu."
Wer sich über den Ausgang solch eines Kampfes Sorgen macht, kann einen Glück-Drachen bei Karin Mussmann kaufen. Zu der kleinen Figur gibt es auch eine Anleitung geschenkt: "Man erzähle dem Drachen, was einen den ganzen Tag genervt hat. Dann tue man ihn in einen kleinen Kasten. Über Nacht frißt der Drachen die Sorgen auf, so dass am nächsten Morgen die Sorgen weg sind. Aber Achtung: Den Drachen vor Gebrauch auf keinen Fall schütteln!"
Beruhigt habe ich den Schauplatz - die Textilkünstlerin, den relaxten Ex-Marburger, die Dschungelkämpferin, den Bernstein-Künstler und die Kampfschnecken-Erfinderin verlassen. Es würde ein gutes Stadtfest werden, das wußte ich!
 
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