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Text von Sonntag, 1. July 2007

> k u l t u r<
  
 Heiliger Rummel: Kitsch und Kommerz um Elisabeth 
 Marburg * (fjh)
Elisabeth von Thüringen ist in diesem Jahr nicht nur in Marburg in aller Munde. Vor allem aber prangt der Name der Heiligen auf mancherlei Erzeugnissen, mit denen geldgierige Zeitgenossen frommen Mitmenschen ihre Moneten aus der Tasche ziehen wollen. Selbst ein Musiktheater wurde eigens zum "Elisabeth-Jahr" 2007 inszeniert.
Begonnen hat der Rummel um die thüringische Landgräfin am Donnerstag (22. März) mit mehreren Veranstaltungen und zwei Ausstellungen. Im Marburger Landgrafenschloss ist bis zum 25. November "Elisabeth in Marburg - Der Dienst am Kranken" zu besichtigen. "Konrad von Marburg, die Heilige Elisabeth und der Deutsche Orden" wird im Hessischen Staatsarchiv am Friedrichsplatz gezeigt.
Am Kaiser-Wilhelm-Turm auf den Lahnbergen hat die Künstlerin Helmi Ohlshagen deutlich sichtbar ein rosafarbenes Herz nach einem Vorbild vom Hauptportal der Elisabethkirche angebracht, das solvente Menschen durch die Anwahl einer bestimmten Telefonnummer zum Leuchten bringen können. Die gebührenpflichtige Nummer 09005/77 12 07 soll den Geburtstag der ungarischen Königstochter am 7. Juli 1207 wiedergeben.
Wer diese Nummer angewählt hat, kann sich entweder durch den direkten Blick auf den Turm hoch über der Stadt oder aber durch das Bild einer Webcam auf der Internet-Seite der Stadt Marburg davon überzeugen, dass das teure Herz tatsächlich leuchtet.
130 "Wunder-Fahnen für Elisabeth" flattern seit Samstag (24. März) an verschiedenen Stellen im Marburger Stadtgebiet. Auch sie hat die Küstlerin Helmi Ohlshagen - diesmal aber in Zusammenarbeit mit einem Design-Kurs der Philipps-Universität - entworfen. Die Motive dieser Fahnen können Interessierte auch käuflich erwerben.
Zahlreiche Vorträge und Veranstaltungen befassen sich in diesem Jahr mit Elisabeth von Thüringen. Der Reigen dieser Angebote reicht von Verherrlichungsveranstaltungen über vorsichtig wägende wie den Vortrag der Hannoveraner Bischöfin Margot Käßmann am Donnerstag (8. März) in der Elisabethkirche bis hin zu kritischen Abhandlungen wie der Darstellung des Philisophen Dr. Dr. Joachim Kahl unter dem Titel "Zwischen Helfersyndrom und Heils-Egoismus" am Dienstag (6. März) . Mit einer Podiumsdiskussion über eine "Religionsfreie Zone Marburg?" hat auch die Humanistische Union (HU) am Dienstag (24. April) gemeinsam mit dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) ihren Beitrag zum Elisabeth-Jahr geleistet.
Rechtzeitig zu diesem Jubiläum sind auch einige neue Bücher über das Leben der Landgräfin erschienen. Darunter findet man mancherlei Legenden im Gewand der Geschichtswissenschaft.
Einen eigenen Laden hat die Gemeinde der Elisabethkirche zum 800. Geburtstag ihrer Namenspatronin gegenüber ihrer gothischen Basilika in der Elisabethstrasse eröffnet. Trotz des entschiedenen Verdikts ihres Religionsstifters Martin Luther verehren die Evangelischen in Marburg nun eine Heilige!
Auch die Stadt Marburg feierte "ihre Heilige" mit einer Reihe von Veranstaltungen. So gibt es am Samstag (7. Juli) und Sonntag (8. Juli) einen Kostüm-Wettbewerb, bei dem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dergestalt verkleiden sollen, dass sie hinterher aussehen wie die Menschen zur Zeit des Mittelalters.
Seit Jahren bietet ein Marburger Konditor seine Elisabeth-Torte an. Hinzugekommen sind in diesem Jahr Pralinen, Schokolade und Törtchen mit dem Namen der Heiligen. Auch ein Putenschnitzel à la Elisabeth bereichert neuerdings die Speisekarte nicht nur katholischer Gourmets. Ein "Elisabeth-Brot" wurde mit alten Getreidesorten gebacken.
Dabeisein ist alles in diesem Jahr. Wer unter dem Etikett "Elisabeth" auftaucht, der ist sehr schnell in aller Munde.
Gerne real in aller Munde sein möchte auch der Marburger Weltladen. Selbst diese gemeinhin eher progressive Gruppe bietet neuerdings einen fair gehandelten "Elisabeth-Kaffee" an!
Auf den Spuren der "Heiligen Elisabeth" können Interessierte seit dem Herbst 2006 ebenfalls wandeln: Den historischen Pilgerpfad von der Wartburg in Eisenach zur Elisabethkirche in Marburg und dann weiter ins spanische Santiago de Compostella haben engagierte Christenmenschen mit Hilfe von Landkreis und Stadt hergerichtet und ausgeschildert. Dieser " Elisabethpfad" soll Wanderer und Radfahrer anlocken. Solche Touristen firmieren dann unter dem frömmeren Etikett "Pilger".
Eigens für sie hat die Stadt den denkmalgeschützten "Turnergarten" in der Oberstadt in eine "Pilger-Herberge" verwandelt. Billige Übernachtungsplätze auf dem traditionsreichen Tanzboden sollen zusätzliche Besucher nach Marburg locken.
Zum - mittlerweile schon traditionellen - Stadtfest "3 Tage Marburg" (3TM) wird am Samstag (7. Juli) in der Elisabethkirche das neu erarbeitete Stück "Elisabeth - keine wie wir" uraufgeführt. Auf Anregung des evangelischen Marburger Stadt-Dekans Helmut Wöllenstein hat Dr. Lothar Jahn vom Musiktheater Dingo aus Hofgeismar ein Musical aus historischen Quellen und mittelalterlichen Klängen zusammengestellt. Darin zeichnet er das Leben der Heiligen so nach, wie es die Gläubigen wohl gerne sehen möchten.
In Marburg gibt es in diesem Jahr fast nichts, was nicht auch unter dem Etikett "Elisabeth" vermarktet würde. Bierdeckel und Tassen präsentieren das Portrait der Heiligen.
Und dabei ist Marburg nur eine von mehreren Städten, die das Jahr 2007 zum "Elisabeth-Jahr" ausgerufen haben! In Eisenach erfreuen sich die Besucher an Rosen-Arrangements, Rosenmenüs, Rosenbüfetts und einem Roseneis. Rosige Zeiten erleben da wohl vor allem die Anbieter.
 
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