Sie sind hier: marburgnews >
Heute ist Samstag, 4. July 2020

Text von Mittwoch, 2. Mai 2007

> k u l t u r<
  
 Keine Zurückhaltung: Peymann im Spiegel-Gespräch 
 Marburg * (sts)
Ob RAF-Debatte, zeitgenössisches Theater, die 68er Bewegung, die Globalisierung oder die Berliner Republik: Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles (BE), hat zu allem eine Meinung. Und die weiß er auch zu vertreten. Das spürten nicht nur die rund 100 Zuschauer beim Spiegel-Gespräch am Mittwoch (9. Mai) im Hörsaalgebäude, sondern vor allem die beiden Spiegel-Redakteure Moritz von Uslar und Wolfgang Höbel.
Spätestens, als das Publikum von Uslars Frage nach dem Wertesystem Peymanns mit "Buh-Rufen" quittierte, waren die Sympathien klar verteilt. In Zeiten verklausulierter und aalglatter Reden wirkte Peymanns offene Redeweise auf viele Anwesende erfrischend wohltuend.
Das Thema des Abends war eigentlich "Theater und politisches Engagement". Doch zunächst einmal drehte sich das Gespräch um ein mögliches Engagement des RAF-Mannes Christian Klar am Berliner Ensemble.
"Das war eine Entscheidung des Betriebsrats. Damit hatte ich gar nichts zu tun", erklärte Peymann. Niemand solle glauben, dass Bundespräsident Horst Köhlers Entscheidung gegen eine Begnadigung Klars aus freien Stücken erfolgt sei. "Ich weiß, dass Klar seine Taten bereut. In zahlreichen Briefen an uns bringt er das zum Ausdruck. Und Köhler weiß das auch. Er konnte nur dem immensen Druck auf seine Person nicht standhalten."
Dennoch hielt der 69-Jährige Intendant die derzeitige Diskussion für historisch wichtig.
Kaum ein gutes Haar ließ Peymann am jungen Theater. "Der heutigen Generation fehlt eine Mitte, ein Wertesystem. Vielleicht braucht diese Generation ihre eigene Katastrophe, um über das Seichte hinauszukommen."
Die Globalisierung, die nichts anderes als ein "Monopol-Kapitalismus" sei, und die mit ihr einhergehende "Verrohung unserer Seelen" führten unweigerlich auf diese Katastrophe zu.
In diesem Zusammenhang verteidigte Peymann dass von ihm inszenierte Stück "Spuren der Verirrten" von Peter Handke, das Höbel als "sentimentalen Kitsch" bezeichnet hatte. "Sie trauen sich nur nicht, sich zu ihren Gefühlen zu bekennen. Das Stück ist sentimental, melancholisch. Erst durch die Apokalypse finden die Menschen wieder zusammen."
Das Stück folge Handkes Grundsatz "Raum statt Reiz", den Peymann als außerordentlich wichtig bezeichnete. Durch die ständige mediale Reiz-Überflutung verlören die Menschen die Perspektive, den Überblick. Aus diesem Grund müsse man auch mal langweilig sein, spielte der Berliner Intendant auf die geplante 14-stündige Wallenstein-Inszenierung von Peter Stein am Berliner Ensemble an.
"Die zentrale Aufgabe des Theaters, den Mächtigen die Masken abzureißen und sich mit den Schwachen zu solidarisieren, ist heute viel schwieriger zu leisten. Die Feindbilder sind verschwommen. Die Globalisierung entzieht sich bisher der theatralischen Inszenierung."
Daher sei es wichtig, dass die hellsichtigeren Menschen, die Intellektuellen, auch öffentlich ihre Meinung äußerten. "Wir dürfen den anderen nicht das Feld überlassen. Wenn jemand wie ich zu seiner Meinung steht und diese verteidigt, dann wird er schon als verrückt angesehen. Ich halte mich für völlig normal."
Und gerade darin scheint das Außergewöhnliche des Claus Peymann zu bestehen.
 
 Ihr Kommentar 


Kultur-Archiv






© 2007 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg