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Text von Samstag, 12. Mai 2007

> k u l t u r<
  
 Art for All: Vernissage in der BliStA 
 Marburg * (jnl)
Ausgerechnet mit Kunst-Ausstellungen erlangt die Deutsche Blindenstudienanstalt (BliStA) in der Universitätsstadt Aufmerksamkeit. Die Vernissage des Berliner Bildhauers Robert Schmidt-Matt am Samstag (12. Mai) zog über 50 Kunstliebhaber an. Die Creme der lokalen Kunst-Szene gab sich ein Stelldichein, darunter viele aktive Künstlerinnen und künstler.
Als langjähriger künstlerischer Leiter der Marburger Sommerakademie war der drahtige 53-Jährige beileibe kein Unbekannter. Dennoch war es seine erste Einzelausstellung vor Ort. Unter dem Titel "Gehemmte Bewegung" stellte er in den beiden schmucken, hellen Räumen des BliStA -Dachgeschosses dreizehn kunstvoll ausgearbeitete steinerne Objekte aus. Ein vierzehntes Exponat namens "Kette" war aufgrund seiner massiven Wucht in den Außenanlagen platziert worden.
Gemeinsam ist allen, dass sie bewegliche, ineinander steckende Teile beinhalten und doch nur aus je einem einzigen Stein-Rohling herausgemeisselt wurden. Das große handwerkliche Können des seit 23 Jahren als freiberuflicher Künstler tätigen Schmidt-Matt beweist sich darin, dass nirgendwo ein nachträgliches Zusammenfügen oder Kleben nötig war.
Bildhauerei hat es mit einem sehr widerständigen, unflexiblen Material zu tun. Die Verwandlung von massiven Stein-Blöcken in bewegliche Strukturen mit Scharnieren und Reibungsflächen fordert Erstaunen heraus.
Als Clou beim Publikum erwies sich ein Sandstein-Exponat namens "Signal II", dass über das Anneinander-Reiben der Flachseiten urtümliche, mysteriöse Klänge zu erzeugen vermochte. Beinah ebensoviel Begeisterung und spielerische Herausforderung mobilisierte ein Werkstück namens "Hexentreppe". Ein handschmeichelnd glatt polierter edel weißer Kalkstein lag hier in zwei ineinander steckenden, filigranen Elementen vor, die zu vielfältiger Umgruppierung einluden.
Natürlich waren es in besonderem Maße die Blinden, die der ausdrücklichen Aufforderung zum handgreiflichen Aneignen am Objekt intensiv nachkamen. In den übrigen Bürgern ist die Erziehung zur Distanz und Nicht-Berührbarkeit der meist in musealem Umfeld erfahrenen Objekte mehrheitlich offenbar tief eingefleischt. Dass nur selten für Blinde und Sehbehinderte geeignete Ausstellungen im öffentlichen Raum vorgestellt werden, ist daher leider nur folgerichtig. Angesichts dessen wird klar, dass der gewählte Ausstellungs-Titel "Gehemmte Bewegung" mehrere Bedeutungsebenen umschließt.
Im Umfeld der Vernissage fand am gleichen Wochenende in den Räumen des Universitätsmuseums der Kongress "ART for ALL" statt. Hier wurde zwischen Fachleuten aus verschiedenen Nationen Europas zusammengetragen, mit welchen Methoden sich die Zugänglichkeit von Kunst für Blinde und Sehbehinderte erweitern ließe. Gastgeber war auch hier die Blista. Gefördert wurde die fachliche Integration von Museumspädagogen aus acht EU-Staaten von Finnland bis Slowenien, vom Pariser Louvre bis zur Londoner Tate Gallery aus Finanzmitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Teilnehmer von "ART for ALL" erwiesen sich als besonders kontaktfreudige Gruppe auf der Vernissage.
Die zehnjährige Aufbau-Arbeit des Betriebsrats der Blista als Ausstellungsmacher hat zu einem hervorragenden Renommee in der Stadt geführt. Nicht zuletzt die sehr lebendigen Vorträge des scheidenden Betriebsratsvorsitzenden Pit Metz ziehen immer wieder viele Kunst-Interessierte in die BliStA.
 
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