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Text von Sonntag, 8. April 2007

> k u l t u r<
  
 Heuchler im Haus: Tartuffe zeitlos und aktuell 
 Marburg * (fjh)
Seinen Beitrag zum Elisabeth-Jahr leistet das Hessische Landestheater mit der Komödie "Tartuffe". In einer Inszenierung von Peter Radestock feierte der Bühnen-Klassiker von Jean Baptiste Molière am Samstag (7. April) in der Stadthalle Premiere.
Orgon ist absolut vernarrt in seinen "Freund" Tartuffe. Aus der Kirche hat er ihn mit in sein Haus genommen. Hier dreht sich bald alles um den "frommen" Gast. Auch Orgons Mutter Madame Pernelle ist völlig vernarrt in den gottesfürchtigen Tartuffe.
Der Rest der Familie hingegen hält ihn für einen Heuchler und Betrüger. Doch ihren Widerspruch duldet Orgon nicht. Selbst seiner Frau Elmire will er kaum glauben, dass Tartuffe ihr unsittliche Anträge gemacht hat. Seine Tochter Marianne (Joanna-Maria Praml) möchte er sogar mit seinem neuen Freund verheiraten anstatt mit ihrem Geliebten Valère (Ulrich Wittemann).
Auch seinem Schwager Cleanté(Stefan Piskorz) gelingt es nicht, zwischen der Familie und dem Hausherrn zu vermitteln. Orgon will nichts hören. Alle Warnungen schreibt er in den Wind. Schließlich überschreibt er Tartuffe sein gesamtes Vermögen.
Dabei hat Tartuffe ihm mehrfach die Wahrheit gesagt. Doch Orgon hält das für christliche Demut. Stur hält er trotz aller Widerstände an seinem Glauben an Tartuffe fest.
Wenn Tartuffe meint, er wolle sich lieber selbst geißeln als etwas gegen die Angehörigen seines Gastgebers sagen, dann befindet sich die Aufführung plötzlich mitten in der aktuellen Debatte um die Vorbild-Funktion der Heiligen Elisabeth. Wenn Tartuffe Armut als gottgefällige Tugend preist, dann verkündet er damit genau die Position, die im Zuge des Elisabeth-Jahrs in Marburg kontrovers diskutiert wird.
Dabei hat Molière sein stück bereits im Jahr 1664 veröffentlicht. Doch von seiner Brisanz hat es in den gut 340 Jahren seither nichts verloren.
Diese andauernde Aktualität des Stoffs hat Radestock in seiner zeitlosen Inszenierung gut umgesetzt. Starrsinniges Festhalten an vermeintlichen Wahrheiten, Falschheit und frömmelnde Heuchelei hat der Regisseur gut auf die Bühne des Erwin-Piscator-Hauses (EPH) gebracht.
Störend war allein das ständige Hin- und Hergerenne, Herumgetrappele und Gepoltere auf der Bühne. Mit einer Treppen-Konstruktion bot sie den Schauspielern viel Gelegenheit für solche lautstarke Lebhaftigkeit, die das Publikum indes mehrheitlich nervte.
Ansonsten gelungen war das Spiel der vier Darstellerinnen und der sechs Darsteller. Besonders gilt das für die Rolle des Hausmädchens Dorine: Juliane Beier schaltete sich als - meist emotional beteiligte - Beobachterin mit einem osteuropäischen Akzent in die Gespräche ihrer Herrschaft ein und erregte so bei ihr Unverständnis und zugleich Lacher beim Publikum.
Neben ihr überzeugten auch Stefan Gille als Tartuffe und Jürgen-Helmut Keuchel als Orgon sowie Regina Leitner als dessen Ehefrau Elmire. Auch Christine Reinhardt zeigte in der Rolle seiner Mutter komödiantisches Talent.
Insgesamt legte das Hessische Landestheater mit dieser Premiere eine recht ordentliche Arbeit vor. Besonders gelungen ist Radestock dabei der Schluss, der eher einen modern verfremdeten Charakter erhielt. Er regt zum kritischen Nachdenken nicht nur über Molières Message, sondern auch über Recht und Gerechtigkeit an.
Das Publikum bedankte sich am Premieren-Abend bei Schauspielern und Regisseur mit langanhaltendem begeisterten Applaus.
 
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