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Text von Dienstag, 20. März 2007

> k u l t u r<
  
 Witziges über China: Fernöstliche Lesung in Marburg 
 Marburg * (jnl)
Ist China die "gelbe Gefahr"? Warum erfahren Europäer so wenig über das Alltagsleben und die menschlichen Seiten der Bewohner Asiens? Bisher fehlen weitgehend literarische "Botschafter", die Informationen auf genießbare Weise vermitteln. Die Lesung von Nuri Vittachi aus Hongkong, die am Montag (19. März) in der Waggonhalle stattfand, gab spannende und aufschlussreiche Antworten. Der erfolgreiche Ironie-Krimi-Schriftsteller stellte sein viertes auf Deutsch erschienenes Buch vor.
Der 49-jährige Autor aus Sri Lanka ist ein Brückenbauer zwischen Asien und der westlichen Welt. Aufgewachsen in London hat er dort als Journalist die Boulevard-Medien von innen kennengelernt. Nach seiner dauerhaften Übersiedlung nach Hongkong musste er den Journalismus aufgeben, als die Volksrepublik China die britische Enklave übernahm. Sein Ausweg war, exzellente Unterhaltungs-Literatur zu produzieren. Nebenbei gibt er eine erfolgreiche Literatur-Zeitschrift in Hongkong heraus. Als Stand-Up-Comedian soll er in ganz Ostasien ähnlich bekannt sein wie hierzulande Harald Schmidt.
Die lokalen Veranstalter fanden ein ungewöhnlich publikumsfreundliches Arrangement. Statt den Autor den englischen Text lesen zu lassen, übernahm Michael Wolf vom Verein "Strömungen" die Lesung ganz in deutscher Sprache. Er löste die Aufgabe ausgezeichnet intonationsreich. Der die Lesereise begleitende Verleger Thomas Wötche vom Berliner Zweig des Züricher Unionsverlags gab einige Hintergrund-Informationen zur Vita seines Autors. Dann übernahm der gewinnend ironische Vittachi selber die Bühne.
In weichem, eingängigem Englisch wies er darauf hin, dass die TV-Film-Klischees das Bild der Europäer von den Asiaten und umgekehrt sehr prägen. Dabei sei die Welt gegenwärtig in einem dramatischen Wandel begriffen. Nationen wie China und Indien bestimmten künftig in weit größerem Ausmaß den kulturellen Austausch als in den vergangenen Jahrzehnten. Gut lesbare, nicht triviale Bücher wie seine eigenen seien Brücken, um die Menschen und den Alltag in Asien besser verständlich zu machen.
Als die beiden Haupt-Exportgüter Chinas nannte Vittachi das facettenreichere, aufregendere Essen dort und die traditionsreiche Spiritualität Ostasiens. Beide vereinigt er mit leiser Ironie und spannender Ausdruckskraft in seinem aktuellen Buch "Shanghai Dinner". Die sehr gelungene deutsche Übersetzung von Ursula Balin bringt das glänzend rüber.
Die in zwei Sets erfolgende Lesung stellte zunächst den irrwitzigen Alltag in Shanghai dar. Die Stadt gilt als heimliche Hauptstadt des Turbo-Kapitalismus. Baulich ist sie in einem rasanten Wandel begriffen. Ständig werden Gebäude abgerissen und durch protzigere Neubauten ersetzt. Daher ist Shanghai von jährlichüber 21.000 Baustellen übersät.
Der Romanheld C.F. Wong und seine beiden Angestellten werden damit konfrontiert, dass ihr neues Büro von heute auf morgen abgerissen werden soll. Wong stellt sich couragiert und witzig dem "Mann-gegen-Mann-Bürokratie-Spiel" gegen den Abriss-Polier. Denn nur Geld. Bluff und mächtige Verbündete können in China irgendetwas bewegen oder verhindern.
Noch beeindruckender gerät das zweite vorgetragene Kapitel aus Vittachis Buch. Es handelt vom Gründungs-Bankett des Shanghai Dinner Clubs. Hier haben sich kulinarisch interessierte Reiche und Mächtige aus der lokalen Oberschicht zusammengefunden. Der Kleinunternehmer Wong ist nur deswegen eingeladen, wie er als Fengshui-Berater das Luxus-Restaurant spirituell auf Vordermann gebracht hat. Die bevorzugte Speisenauswahld dort stellte sich als außerordentlich auf Frische der Zutaten bedacht heraus. Unter "frisch" verstehen die anwesenden reichen Chinesen, dass die Tiere noch lebendig präsentiert werden, bevor man sie vor aller Augen tischfertig macht und verzehrt.
Die dramaturgische Steigerung von einem Fisch über Langusten bis hin zu lebenden Gürteltieren ist atemberaubend inszeniert. Um das sprachliche Kabinettstück Vittachis richtig genießen zu können, sollte der Leser Sinn für Ironie und ein bißchen Hartgesottenheit mitbringen. Geschickt steigert er das aufsteigende Lachen des Lesers durch eingestreute Reflexionen des Helden. Wong sieht vor dem inneren Auge, wie seine vegetarische Assistentin McQuinnie das Schauspiel mit Empörung und Geschrei aufmischen würde, wäre sie nicht daheim geblieben.
Der sympathische, nur 1,65 Meter große Vittachi erläuterte anschließend, was es mit Fengshui und Yin-Yang auf sich hat. Mit zwölf Fragen bot er dem Publikum jeweils eine Yin- und eine Yang-Alternative. Entsprechend durfte jeder entweder einen Schritt nach links oder nach rechts machen. Nur die wenigsten erwiesen sich als "ausbalancierte Persönlichkeiten". Zwei Drittel der Anwesenden waren offenbart Yin-lastige Menschen, redefähig und kopfbetont. Das restliche Drittel tendiert zu Yang, also zu Praktischem und Tatkräftigem. Ein Fengshui-optimierter Mensch ist jemand der nichts aufschiebt und seinen Schreibtisch immer aufgeräumt hinterlässt, teilte Vittachi mit. Die knapp fünfzig zahlenden Zuschauer verließen mit lachenden Augen, bestens unterhalten ihre Stühle. Der mitveranstaltende Buchladen verkaufte zahlreiche Signier-Exemplare. Dieser Autor wird sich vermutlich durch Mundpropaganda rasch von einem Geheimtipp zu einem Publikumsliebling entwickeln. Als nächste Etappe nach LitCologne und Marburg steht nun die Leipziger Buchmesse auf Vittachis Programm.
 
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