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Text von Sonntag, 11. Februar 2007

> k u l t u r<
  
 Furcht und Elend: Auf der Bühne der Geschichte 
 Marburg * (ule)
Auf der Bühne thronte ein überdimensionales Hakenkreuz. Eine knarzende Stimme verkündete über die Lautsprecher die Machtergreifung Adolf Hitlers. Die Darsteller stürmten ins Publikum und gratulierten mit Händedruck zum politischen Erfolg.
Mit dieser Szene begann am Samstag (11. Februar) und Sonntag (12. Februar) die Premiere von "Furcht und Elend des Dritten Reiches". Das Hessische Landestheater Marburg führte das Stück von Bertolt Brecht an beiden Tagen vor jeweils knapp 100 Besuchern im Theater am Schwanhof (TASCH) auf. Etwa 100 Minuten lang versuchte Regisseur David Gerlach, die von Brecht beschriebene Alltäglichkeit im Nationalsozialismus szenisch umzusetzen.
Eine feststehende Handlung mit den entsprechenden Figuren, die dem Zuschauer durchs Stück helfen, gab es nicht. Vielmehr wurden die Auswirkungen des faschistischen Terrors in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen anhand von sechs Szenen-Fragmenten beschrieben.
Da war zum Beispiel der SA-Mann Theo. In seiner Uniform wirkte er sehr stark und offiziell. Zuerst lieferte er sich ein Wortgefecht mit einem Arbeiter und versuchte, ihn aus der Reserve zu locken. In einer Atmosphäre aus ständiger Angst und Verzweiflung spürten die Betroffenen, wie sehr sie dem Terror ausgeliefert sind.
Wenig später musste Theo seiner Freundin erklären, dass er das gemeinsame Sparbuch leergeräumt hatte, weil er die SA-Uniform bezahlen musste. Als er auf ihre Vorwürfe wutschnaubend und tobend reagierte, wurde deutlich, in welchem Ausmaß sich der Terror aus der kleinbürgerlichen Perspektivlosigkeit und der sozialen Angst nährte.
In einer anderen Szene traute sich ein eingeschüchterter Amtsrichter nicht, die Schuldigen schuldig zu sprechen. Vor der Urteilsverkündung fragte er sich verzweifelt - zwischen den Fakten hin und her gerissen und in Panik -, welches Urteil wohl im Interesse der Herrschenden liege. Noch vor der Urteilsverkündung grenzten sich seine Kollegen von ihm ab.
Die Abschluss-Szene ist die Geschichte eines Fleischers, der auf dem Schwarzmarkt bei einem jüdischen Mitbürger Fleisch gekauft hatte. Dafür wurde er von der SA in seinem Laden aufgehängt. Um seinen Hals trug er ein Schild, auf dem stand: "Ich habe Hitler gewählt!"
Brecht hat "Furcht und Elend" in 27 Szenen zwischen Juli 1937 und Juni 1938 geschrieben. Bereits 1934 und 1935 hatte er mit Margarete Steffin Pressemitteilungen und Augenzeugenberichte zu einer Materialsammlung zusammengestellt. Einige Jahre später schließlich erfolgte die künstlerische Umsetzung zu einer Montage aus verschiedenen Szenen-Fragmenten.
Regisseur Gerlach hat sechs wichtige Szenen ausgewählt und zu einem roten Faden zusammengeknotet. Das Gespräch über die SA, die sich ausbreitende, überall spürbare Angst vor ihrem Terror und schließlich das Miterleben des Terrors markieren die einzelnen Stufen des deutschen Nationalsozialismus.
Eine besondere Dramatik erhält die Inszenierung durch immer wieder eingespielte Protokoll-Mitschnitte des Auschwitz-Prozesses. Ehemalige Häftlings-Aussagen über den Terror in den Konzentrationslagern verbinden einen Teil der Szenen miteinander und spinnen den roten Faden noch weiter.
Insgesamt ist dem Regisseur eine gute Inszenierung gelungen. Mit Johanna-Maria Praml, Carl Pohla, Jürgen Helmut Keuchel und Stefan Piskorz zeigte er viel Gespür für eine hervorragende Besetzung. Zeitweise schlüpfte Gerlach sogar selbst in die Rollen, ebenso wie die Regie-Assistentin Juliane Nowak.
"Furcht und Elend" ist kein Stück, dass mit einem Schlag begeistert. Das ist wohl hauptsächlich der Thematik geschuldet. Doch in einer Zeit, in der unpolitische Hitler-Parodien über die Kino-Leinwände laufen, ist "Furcht und Elend" ein Stück, das gut tut.
 
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