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Text von Sonntag, 14. Oktober 2007

> k u l t u r<
  
 Poetry Slam: Wettbewerb der Wort-Akrobaten 
 Marburg * (jnl)
Wenn der Marburger Poetry Slam stattfindet, strömen die Menschen im Alter um 22 in Massen. Auch der am Samstag (13. Oktober) im Kulturladen KFZ stattfindende Slam war wieder ausverkauft.
Mehrere hundert Menschen, die eine Warteschlange fast bis zur Straße Am Grün bildeten, mussten auf mehr Glück beim nächsten Mal hoffen.
Die beiden Masters of Ceremony (MCs) Lars Ruppel und Bo Wimmer begrüßten die 240 Eingelassenen mit selbstbewusstem Enthusiasmus. Beide hatten beim gerade ein Wochenende zurückliegenden "National Slam" höchst erfolgreich teilgenommen..
Die bemerkenswerte Popularität des Marburger Dichterwettstreits zeigte sich auch darin, dass die Mehrheit der 15 am Wettstreit teilnehmenden Personen aus entfernten Städten kamen. Aus Berlin, Heidelberg und Kiel kamen die am weitesten Angereisten. Grundlegend galt für alle folgendes: ausschließlich eigene Texte, exakt fünf Minuten als Zeitbegrenzung für den Vortrag, kein Gesang, außer körpereigener Gestik, Stimme und Lautgebung keine dinglichen Hilfsmittel benutzen. Da kaum eine Handvoll echte Neulinge im Publikum saßen, musste nicht viel über Regeln für den Wettbewerb erklärt werden. Fünf auf Handzeichen sich Meldende als Zufalls-Juroren bekamen stellvertretend für das Saalpublikum je einen Satz Wertungstafeln von 1-10 Punkten.
Die in drei Vorausscheidungen zu je fünf Einzelvorträgen aufgeteilten Slammer wurden in der Reihenfolge der Auftritte ausgelost. Den unbeliebten allerersten Poetry-Vortrag übernahmen außer Konkurrenz die Smaat-Boygroupler Lars Ruppel und Felix Römer sowie zwei Freiwillige aus dem Publikum. Das Kabinettstückchen namens "Der dunkle Overlord" erfüllte seine anheizende Mission. Die Sci-Fi-Rahmenhandlung mit derben humoristischen Lauten und Wendungen brachte sowohl Spannung als auch Lachen in die Menge.
Micha aus Bielefeld war mit seiner turbulenten Story über unverhofften Schlag bei den Fraun auf Festivals ein ziemlich gewiefter Starter. Besonders sein Orgien-Urschrei "Hägar" kam fett. Dennoch erzielte er mit 8+8+9+8+6=39 plus einen Aberhallo-Punkt nur 40 Punkte. Einen solchen Bonuspunkt erhält man bei überzeugendem Buuh-Getöse aus dem Publikum, wenn dieses mit einer Einzelwertung unzufrieden blieb. Stefan aus Gießen kam mit einem lautmalerisch starken Love-Poem gar nur auf 38 Points. Patrick aus Kiel gab eine E-mail-Lovestory zum Besten, die wohl wegen des geringeren Tempos schlechter ankam. MC Lars stellte klar, dass Kurzgeschichten genauso erwünscht seien wie Poeme. Paul aus Berlin kam mit seiner "Evolution of Sex" und der forschen Ansage "Ihr habt genug gelacht" ebenfalls auf nur 32 Pünkterchen. Der Lokalmatador Peter Janitzki holte den Sieg dieser ersten Zwischenausscheidung mit einem Stakkato-Monolog über "Morgens im Prüfungsstress".
Der im zweiten Drittel startende Leon aus Marburg setzte ganz auf moralischen Appell, den eigenen Arsch hochzubringen. Leider merkte man dem Vortrag an, dass hier ein echter Anfänger Slam-Erfahrung sammelte. Patrick aus Düsseldorf malte die Depro-Stimmung des Verlassenen um als "Story mit Tieren" und kam auf 43 Pünkter. Alice aus Marburg war die erste von vier Frauen im Wettbewerb. Sie brachte es mit einer atmosphärisch dichten Geschichte über Liebesüberdruss wegen des Downtempo nur auf 42 Wertungspunkte. Den Vogel haben im zweiten Drittel zwei Burschen abgeschossen, die beide auf formidable 46 Points kamen und sich den Etappensieg teilen durften. Björn Högsdal aus Kiel verblüffte mit einem witzig aufgezogenen "Leben im Rewind-Modus". Casjen Ohnesorge aus Kassel gab ein überaus gekonntes, literarisch ansprechendes "Bleibe aufrecht, Krieger, lass' dein Gesicht weich werden" über den Berufsanfang nach dem Studium.
Mariell aus Frankfurt brachte einen "Smoking Kiss" als Alptraum-Story und erhielt dafür 5x7=35 Wertungspunkte. Elena aus Marburg setzte mit einer versiert vorgetragenen Geschichte auf Gefühle jenseits des Liebesallerleis. Für ihre mit "Könnte schlimmer sein..:" betitelte Story über Kadavererkältungen bei Pathologen verbuchte sie gute 43 Punkte. Dennis aus Darmstadt machte aus dem drögen Stoff des Jurastudiums etwas erstaunlich Lockeres und kam auf 38 Points. Brigitte aus Marburg schickte ein temporeich vorgetragenes langes Poem über "Schwarzweiß in der Kunst" ins Rennen. Leider beging sie mit dem Herzeigen einer Abbildung einen Regelverstoß, der zur Nichtwertung des Vortrags führte. Zum Trost bekam sie auf Anregung des MC einen Maximal-Applaus außer Konkurrenz. Sieger der dritten Etappe wurde Daniel Wagner aus Heidelberg mit der Traumwertung von 49 Punkten. In atemberaubendem Lesetempo präsentierte er eine Comedy-Tirade über "lächerliche Vegetarier" und erntete einen Sturm an Gelächter und Beifall.
Nach einem zehnminütigem Päusken zeigte zunächst außer der Reihe der heute in Berlin lebende gebürtige Marburger Felix Römer als 28-jähriges "Burtstagskind" ein Kabinettstück über das "Es ist schön, wenn ..."- Thema. Die insgesamt vier Sieger aus der Zwischenrunde durften danach im letzten Durchgang ihren jeweils zweiten Text vortragen. Jeder von ihnen war auf seine spezielle Art großartig. Gesamtsieger wurde indes laut eindeutigem Applaus-Votum Daniel Wagner aus Heidelberg. Wenn er demnächst als Comedian in den Clubs und Medien durchstarten sollte, wird er zweifellos erfolgreich sein.
Die Sieger-Preise waren allesamt eher witzig und symbolisch. Denn beim regelgerechten Poetry Slam, erinnerte Lars Ruppel, geht es um die Ehre und nicht um Materielles. Der nächste Slam im KFZ steigt immerhin bereits Anfang Dezember. Die Kämpen scharren bereits mit den Ziegenbockshufen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen.
 
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