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Text von Montag, 6. Februar 2006

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 Einatmen gegen Malaise: Medikamente zum Inhalieren 
 Marburg * (atn/pm)
Werden Patienten mit Lungenkrankheiten in einigen Jahren Medikamente einfach und schmerzfrei einatmen können, statt sie sich per Spritze verabreichen zu lassen? Die Grundlagen für eine neuartige Lungentherapie werden in der Forschergruppe "Polymere Nanocarrier zur pulmonalen Verabreichung von Wirkstoffen gelegt. Die Gruppe wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 2,4 Millionen Euro gefördert.
Unter Führung der Philipps-Universität werden insgesamt sieben Teilgruppen in Marburg, an der Justus-Liebig-Universität Gießen und am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) in München ein breit angelegtes und interdisziplinäres Arbeitskonzept verfolgen. Mit der Bewilligung durch die DFG erhöht sich die Zahl der DFG-geförderten Forschergruppen unter Leitung der Philipps-Universität auf vier.
Der Sprecher von Nanohale ist der Direktor des Instituts für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie Profe Dr. Thomas Kissel. Stellvertretender Sprecher ist Prof. Dr. Andreas Greiner vom Marburger Fachbereich Chemie. Die medizinischen Projekte werden am Lungenzentrum Gießen am University of Giessen Lung Center (UGLC) durchgeführt. Toxikologische Aspekte der Nanotechnologie untersuchen Wissenschaftler des GSF in München.
Im Förderzeitraum erstreckt sich zunächst über drei Jahre. In dieser Zeit wollen die Nanohale-Forscher neue Ansätze für die Lungentherapie eröffnen. Ihr Ziel sind "Medikamente zum Einatmen". Hierfür sollen neue Trägersysteme, auch "Carrier" genannt, entwickelt werden. Sie sollen mit Wirkstoffen beladen sein und vom Patienten eingeatmet werden können.
"Nicht die Wirkstoffe selbst sind neu", erklärt Kissel. "Vielmehr geht es darum, dass wir mittels geeigneter Trägermaterialien ihre zeitliche und räumliche Verteilung direkt vor Ort in der Lunge steuern können."
Hierzu wollen die Forscher Nanoobjekte mit verschiedensten Eigenschaften entwickeln. Partikel, Fasern, Röhren und Molekülkomplexe im Nanoformat sollen abhängig von ihrer Zusammensetzung, Struktur und Dimension auf jeweils spezifische Art mit den Gewebezellen in der Lunge wechselwirken, um dort ihre Medikamentenfracht abzugeben.
Während normalerweise die menschliche Blutbahn als Träger von Wirkstoffen genutzt wird, kann ein solches "Drug Targeting" die Wirkungsweise von Medikamenten entscheidend verbessern. Kissel betont, dass sich "insbesondere die Lunge als 'direkt' zugängliches Organ" für diese Vorgehensweise anbiete.
Mit Nanohale wollen die Marburger, Gießener und Münchener Forscher auch eine Lücke in der deutschen Forschungslandschaft schließen. "Während die USA und Japan das Drug Targeting bereits sehr stark fördern, ist die Schnittstelle zwischen Nanomaterialien und deren medizinischer Anwendung in Deutschland noch wenig untersucht", unterstreicht Prof.r Dr. Dr. Friedrich Grimminger vom Lungenzentrum Gießen die Bedeutung der DFG-Forschergruppe. Nanohale ist der derzeit größte deutsche Forschungsverbund, der sich diesem Thema widmet.
Die neue Forschergruppe setzt sich aus Grundlagenwissenschaftlern, Pharmazeuten, Medizinern und Materialwissenschaftlern zusammen. Neben Thomas Kissel und Andreas Greiner werden die Arbeitsgruppen von den Marburger Wissenschaftlern Prof. Dr. Joachim H. Wendorff vom Fachbereich Chemie, Prof. Dr. Udo Bakowsky vom Fachbereich Pharmazie, Prof.Dr. Frank Czubayko vom Fachbereich Medizin, von den Gießener Medizinprofessoren Dr. Dr. Friedrich Grimminger und Dr. Werner Seeger sowie von Prof. Dr.
Holger Schulz vom GSF geleitet.
"Bei unserem Projekt kommt es nun darauf an, zunächst den 'idealen Nanoträger' zu entwickeln.", erklärte Kissel. Ein solcher muss unter anderem mit einer möglichst großen Wirkstoffmenge beladen werden können. Außerdem muss er verschiedene intra- und extrazelluläre Barrieren überwinden und soll vom Organismus schließlich schnell wieder abgebaut werden, sodass sich allein der Wirkstoff im Zellgewebe ablagert.
Etwa in drei Jahren, so schätzt der Pharmakologe und Nanowissenschaftler, "können wir die Nanoträger dann auch im Tiermodell testen."
 
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