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Text von Dienstag, 21. November 2006

> s o z i a l e s<
  
 Brandaktuelle Debatte: Arbeit, die Sinn macht 
 Marburg * (jnl)
"Arbeit, die Sinn macht - ein antiquierter Anspruch?" war das Thema eines Vortrags von Renate Börger am Montag (20. November) im Hörsaalgebäude. Die Freie Rundfunk-Journalistin sprach im Rahmen der Ringvorlesung "Konflikte in Gegenwart und Zukunft" vor mehr als 100 Zuhörern.
Das vorherrschende Wirtschaftssystem fordere zunehmend zu grundlegender Kritik heraus, trug die Journalistin vor. "Innovation!" - ist sie ein Selbstzweck? "Wachstum!" - wohin soll das eigentlich gehen? "Neue Produkte" - ist es denn völlig egal welche? Gibt es einen Weg zu einer aufgeklärt sinn-orientierten Arbeitswelt, die über den Kapitalismus hinausweist? Und sollte man dabei nicht besser auf absolute, gar religiöse Wertsetzungen verzichten?
Börger forderte eine Rückbesinnung auf Vernunft und Humanismus. Der Wirtschaftsliberalismus habe sich von den ursprünglichen Wurzeln des Liberalismus in Aufklärung und Vernunft-Kritik völlig losgelöst. Der "Homo öconomicus" sei eine dürre Abstraktion, die das Mensch-Sein auf das mechanische Produzieren und Konsumieren verkürze. Wo bleibe da das spezifisch Menschliche?
Dafür müsse man keineswegs auf die religiösen Antworten zurückgreifen. Denn es gehe mitnichten um Vertröstung auf ein besseres Jenseits. Um sich selbst als Menschen ernstzunehmen, dürfe die Vernunft-Kritik nicht vor dem Arbeitsleben haltmachen.
Genau diese Frage nach dem Wozu und Wofür der Produktion sei aber im Kapitalismus mit Tabu belegt. Der Journalist Jens Jesse von der Wochenzeitung "Die Zeit" habe im Zusammenhang mit der ständigen Rede von der angeblichen Alternativlosigkeit sogar von einem Weg in einen neuen Totalitarismus geschrieben.
Die beständige Berufung auf vorgebliche Sachzwänge sei für alle Diktaturen charakteristisch und epidemisch. Dennoch brauchten wir letztlich nichts dringender als die ernsthafte Verantwortung jedes Individuums am Ort seiner Erwerbsarbeit. Nur so sei eine Wirtschafts-Welt nach dem Maß des Menschen zu erzielen.
Der Vortrag erfolgte weitgehend in freier Rede. Er war strukturiert und allgemein verständlich. Zur Untermauerung führte Bögner Zitate mehrerer Autoren an, deren Gedanken in die gleiche Richtung wiesen. Als Wirtschaftsethiker berief sie sich auf den Reform-Ökonomen Peter Ulrich. Er ist Professor an der Schweizer Universität St. Gallen. Er vertritt eine "Integrative Wirtschaftsethik" als "qualitative" Kritik an der "reinen" ökonomischen Vernunft.
Einen Eckpfeiler der Argumentation steuerte eine vorgelesene Passage aus dem Hauptwerk des Technik-Philosophen Günther Anders bei. Im zweiten Band von "Die Antiquiertheit des Menschen" setzt sich der Wiener nachdrücklich mit der Sinn-Frage in unserer Epoche auseinander. Der andere bekannte Autor einer "Philosophie der Technik", Hans Jonas, wurde ebenfalls als Referenz angeführt.
Ein weiterer zeitgenössischer Zeuge war der Karlsruher Lehrstuhl-Inhaber Peter Sloterdijk. Sowohl in seiner mehrbändigen "Kritik der zynischen Vernunft" als auch in neueren Werken weise er Wege zur Überwindung des Kapitalismus. Die einzige aussichtsreiche Kraft-Quelle der Anti-Neoliberalen sei es, eigenen Stolz und Zorn zu mobilisieren gegen Habgier und Stumpfsinn. Das gehe über Erich Fromms "Sein gegen Haben" hinaus.
In der folgenden Diskussion kamen einige Rückfragen und verhaltene Kritik zur Sprache. Warum spreche sich Bögner gegen das "bedingungslose Grundeinkommen" aus? Sie antwortete, dass sie nicht daran glaube, dass es für den Durchschnitts-Menschen funktioniere. Die Menschen bräuchten Herausforderungen und dürften nicht sich selbst überlassen bleiben.
Eine Arbeitsverpflichtung mit begrenzter Stundenzahl, wie sie auch die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung vertrete, gehöre dazu.
Ob sie denn glaube, dass ihre Ziele rein mit Mitteln der Vernunft-Kritik durchzusetzen seien, wurde sie gefragt. "Ja und nein", lautete ihre Erwiderung. Auch sie habe große Angst vor einem neuen Faschismus "ante portas", aber sie setze auf Hoffnung. Eine post-kapitalistische Wirtschaftsordnung baue auf Regional-Geld-Ökonomien statt schrankenlose Globalisierung. Schon die neun UN-Konventionen wären eine ausreichende Grundlegung für ein Mensch-Sein mit Würde. Leider würden sie unter der Vorherrschaft des Wirtschaftsliberalismus nicht umgesetzt.
Ob diese Gedankenführung ähnlich Jürgen Habermas Konzeption "Vernunft durchKommunikation" hinreicht, wird von vielen bezweifelt. Die Fragestellung war aber sehr anregend dargeboten.
Die Kulturkritikerin sagt von sich selber: "Das menschliche Maß zu finden, ist für mich die wesentliche und aufregende politische und private Herausforderung!"
 
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