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Text von Freitag, 7. July 2006

> s o z i a l e s<
  
 Echt arm: Wettbewerb des Paritätischen 
 Marburg * (fjh)
"Sie sollen sich schlau machen, sie sollen recherchieren und sie sollen hinsehen", forderte Peter Günther. Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Marburg-Biedenkopf möchte "das Tabu-Thema Armut" öffentlich zur Diskussion stellen. Am Freitag (7. Juli) stellte er zwei Preisausschreiben vor, die der Paritätische bundesweit ausgeschrieben hat.
Unter dem Titel "Was ist Armut?" sollen Grundschulklassen Texte, Bilder oder Bastel-Arbeiten einreichen, die ihre Auseinandersetzung mit dem Thema "Armut" dokumentieren. Als Preis winkt den Kindern der Besuch eines Prominenten in ihrer Klasse.
"Echt arm" ist der Titel des zweiten Wettbewerbs. Er richtet sich an Jugendliche von 10 bis 13, von 13 bis 17 und von 17 Jahren an. Einreichen können sie Texte, Musik, Theaterstücke oder Filme.
Die Preisträger erhalten hinterher eine professionelle Weiterbildung in dem jeweiligen Bereich: Wer einen Film eingereicht hat, darf an einem Cutter-Seminar teilnehmen. Wer einen Text geschrieben hat, wird zu einer Schreibwerkstatt eingeladen.
Neben dem Paritätischen Wohlfahrtsverband wird die Aktion auch von der Aktion Mensch unterstützt. Sie hat die Internet-Plattform "Die Gesellschafter gegründet, auf der verschiedene Aktionen zur menschenfreundlichen Gestaltung der Zukunft durchgeführt werden.
Günther möchte die beiden Wettbewerbe in Marburg möglichst breit ankündigen. Ihm ist es ein Anliegen, die - heute meist versteckte - Armut endlich einmal öffentlich zu thematisieren.
7 Millionen Bundesbürger gelten nach statistischen Definitionen als "arm". 2 Millionen davon sind Kinder. Umso wichtiger sei es, Kindern schon frühzeitig ein Verständnis für diese Problematik zu vermitteln, erklärte Günther.
Aus Geldmangel könnten sich viele Menschen nicht gesund ernähren. Sie besäßen nicht genügend Geld, um an öffentlichen Aktivitäten teilzunehmen und seien deswegen oft einsam. Kinder aus armen Familien müssten auf vieles verzichten, was für andere selbstverständlich sei. Nur dank der Existenz von Angeboten wie der Marburger Tafel kämen viele mit ihrem knappen Budget überhaupt über die Runden.
Günther hofft, durch die Wettbewerbe hier mehr Verständnis für die Nöte armer Mitmenschen zu schaffen. Selbst im relativ wohlhabenden Marburg gebe es Tausende, die mit dem monatlichen Satz von 345 Euro Arbeitslosengeld II (ALG II) auskommen müssen. Während die Lebenshaltungskosten allgemein steigen, sei dieser Satz seit 2004 aber nicht mehr erhöht worden. Vielmehr werde der Deutsche Bundestag noch vor der Sommerpause beschließen, den Satz auch ein weiteres Jahr lang einzufrieren.
Der Paritätische fordert eine Anhebung des ALG II auf mindestens 415 Euro. Außerdem möchte er das Thema "Armut" enttabuisieren: "Wir müssen offen über Armut reden", forderte Günther. Denn Armut sei meistens keine Folge individuellen Fehlverhaltens. Dafür müsse sich niemand schämen!
 
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