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Text von Dienstag, 14. Februar 2006

> s o z i a l e s<
  
 Harsch mit Hilfe: Supermarkt nicht für Blinde 
 Marburg * (fjh)
"Da kommen zu viele!" Mit dieser Begründung weigerte sich der Filialleiter des EdeKa-Supermarkts auf dem Richtsberg, blinden Kunden beim Einkaufen behilflich zu sein.
Nun geht Annette S. im benachbarten Rewe-Markt einkaufen. dort hält der Filialleiter die Unterstützung behinderter Kundschaft für "eine Selbstverständlichkeit".
Die blinde Marburgerin ist empört: Sie wollte nur zwei Artikel einkaufen. So ging sie am Montag (13. Februar) allein in den EdeKa-Markt. Dort bat sie eine Verkäuferin, ihr behilflich zu sein.
Die Reaktion der Frau überraschte sie jedoch: "Ich bringe sie nur zu dem Regal, dann müssen Sie selber weitersehen!" Als Grund bedeutete die Verkäuferin ihr, dass sie sonst "Ärger" mit ihrem Chef bekommen werde.
Der blinden Kundin war mit dem Gang bis vor das Regal natürlich nicht geholfen. Wie sollte sie dort alleine die Artikel finden, die sie einkaufen wollte?
Eine andere Kundin hatte die Weigerung der Verkäuferin mibekommen. Sie brachte Annette zu dem Filialleiter.
Er bestätigte, was die Verkäuferin zuvor angedeutet hatte: "Ich habe dazu eine Meinung: Wir können kein Personal dafür abstellen, all denen zu helfen, die Hilfe wünschen."
Der blinden Kundin schlug  (sich doch eine Einkaufshilfe organisieren. Schließlichhandele es sich bei seinem Supermarkt um ein geschäft mit Selbstbedienung.
Annette S. war entsetzt. Irritiert ging sie in den benachbarten Rewe-Supermarkt. Dort sah der Filialleiter die Sache ganz anders. Für ihn war es völlig klar, dass blinden Kunden geholfen wird.
"Ich zahle doch auch für die Artikel, die ich hier einkaufe", wunderte sich Annette. "Aber ich kann nur dann hier einkaufen, wenn ich auch die notwendige Unterstützung erhalte. In Marburg, wo es so viele Blinde gibt, sollte das doch völlig klar sein!"
Nicht immer könne sie eine Hilfsperson organisieren, die mit ihr einkaufen geht: "Bei größeren Einkäufen gehe ich nie alleine los. Aber wenn ich gerade mal nur eine Packung Kaffee oder ein Päckchen Buttter benötige, dann kann ich nicht auf jemanden warten, der mich in den Supermarkt begleitet."
Nachfragen bei EdeKa waren nicht möglich: Das Unternehmen trägt seine Filialen größtenteils nicht ins Telefonbuch ein. Auch der Markt auf dem Richtsberg existiert hier nicht. In anderen Märkten ging niemand ans Telefon.
Doch scheint die Geschichte ein spezifisches Problem der Filiale auf dem Richtsberg zu sein: Der Supermarkt in der Rosenstraße verhält sich da ganz anders. Hier erhalten Blinde Hilfe, wenn sie sich an der Kasse melden. Ist die junge Auszubildende gerade frei, dann führt sie blinde Kunden nicht nur zu den gesuchten Waren, sondern gibt ihnen sogar Tipps zu aktuellen sonderangeboten.
Gut 800 blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen leben in Marburg. Sie alle müssen sich tagtäglich mit Lebensmitteln und anderen Alltagsgegenständen versorgen. Geschäfte, in denen die Kudndschaft nocht über eine Theke hinweg bedient wird, gibt es in Marburg praktisch nicht mehr. So bleibt den Blinden gar nichts anderes übrig, als ab und zu auch alleine einkaufen zu gehen.
 
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