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Text von Freitag, 15. Dezember 2006

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 Pohl, Bohl und Kohl: Neuer Ehrenbürger gefeiert 
 Marburg * (fjh)
So viel Prominenz hatte der Historische Saal des Marburger Rathauses lange nicht mehr gesehen. Zwar handelte es sich bei einigen um ehemalige Würdenträger, doch dafür standen sie bis 1998 in der vordersten Reihe der bundesdeutschen Politik. Neben dem Ex-Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl und seinem Kanzleramts-Minister Dr. Friedrich Bohl sowie dem damaligen Bundesfinanzminister Dr. Theo Weigel hatte auch der ehemalige Kaiserslauterer Trainer Otto Rehhagel den Weg nach Marburg gefunden.
Ausgelöst hatte diesen Promi-Auftrieb der reichste Marburger Bürger, den die Stadt mit einer herausragenden Ehrung bedachte. Als fünfter Marburger seit Kriegsende erhielt Dr. Reinfried Pohl am Freitag (15. Dezember) DIE Würde eines Ehrenbürgers der Universitätsstadt Marburg. Damit steht der Chef der Deutschen Vermögensberatung in einer Reihe mit den Ex-Oberbürgermeistern Georg Gassmann, Dr. Hanno Drechsler und Dietrich Möller sowie mit dem einstigen Bundes-Justizminister Dr. Gerhard Jahn.
"Leitfaden meines Lebens war es, anderen Menschen Hilfe zu leisten", zitierte Oberbürgermeister Egon Vaupel den neuen Ehrenbürger. Als Mäzen habe er sich für die Stadt und die Universität gleichermaßen verdient gemacht. Außerdem fördere er regelmäßig Vereine wie Blau-Gelb Marburg, den VfL Marburg, den Polizei-Oldtimer Club (PMC) und das Deutsche Rote Kreuz (DRK) sowie die Hansenhaus-Gemeinde.
"Er ist ein Kapitalist", hatte die Linkspartei bei der Entscheidung über die Ehrenbürgerschaft im Stadtparlament zur Begründung ihrer Stimm-Enthaltung argumentiert. "Aber ein überaus erfolgreicher", hatte die Frankfurter Allgemeine Zeigung (FAZ) hinzugefügt. Oberbürgermeister Vaupel ergänzte diese Aussage noch durch seine persönliche Sicht: "Einer mit menschlichem Antlitz und einem hohen Maß an sozialer Verantwortung".
Der Lebenslauf des promovierten Juristen mutet an wie das klassische Märchen einer Bilderbuch-Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär. Ohne Besitz kam der gebürtige Sudetendeutsche 1948 in Marburg an. Heute ist er Chef des größten unabhängigen Finanz-Dienstleisters weltweit. 33.000 Menschen arbeiten in seinem Unternehmen. 4 Millionen Kunden sind die Quelle seines wirtschaftlichen Erfolgs.
"Mein wertvollster Besitz waren damals zwei Empfehlungsschreiben", erinnerte sich Pohl an seine Ankunft in Gießen. Gerichtet waren sie an die Oberbürgermeister von Gießen und Marburg. Ausgestellt hatte sie der Vorsitzende der liberalen Partei in Berlin, von wo aus Pohl nach Gießen gelangt war.
Da er über Marburg nur Gutes gehört hatte, kratzte Pohl sein Geld zusammen und fuhr mit dem Zug bis zum Südbahnhof. "Der war damals schöner als der Hauptbahnhof heute", stichelte er.
Von dort aus ging er zu Fuß ins Rathaus. "Das war das erste Gebäude, das ich in Marburg betreten habe", berichtete Pohl. Umso mehr freue ihn, dass die Feirstunde zur Verleihung der Ehrenbürgerschaft im Historischen Saal des rathauses stattfinde.
In diesem Saal hatte Pohl von 1956 bis 1960 und von 1964 bis 1968 als Stadtverordneter gesessen. Eine Zeitlang hatte er sogar das Amt des Stellvertretenden Stadtverordnetenvorstehers inne. "Von dieser Stelle aus habe ich hier damals auch schon gesprochen", erinnerte er sich.
"Er ist der meistgeehrte Ehemalige der Philipps-Universität", stellte Universitätspräsident Prof. dr. Volker Nienhaus fest. 1998 ernannte ihn die Universität zum Ehrensenator. 2003 erhielt er die Ehrendoktor-Würde sowohl des Fachbereichs Medizin als auch der Rechtswissenschaften.
Ihm verdankt die Uni eine Forschungsstelle für Finanz-Dienstleistungen. Zudem bereite sie gemeinsam mit ihm ein Zentrum für medizinische Ausbildung vor, das in einem der frei gewordenen Gebäude der Innenstadt eingerichtet werden soll, kündigte Nienhaus an.
Seinen Dank an Pohl formulierte auch Bohl als Geschäftsführer der Vermögensberatung. Er verstehe es, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu begeistern und mitzuziehen. Pohl pflege einen menschlichen Führungsstil. Legendär seien aber auch seine sonntäglichen Anrufe oder faxe mit Anweisungen an die Beschäftigten.
An Kohl gerichtet, erinnerte sich bohl an gemeinsame Wahlkampf-Auftritte draußen auf dem Marktplatz. So harmonisch wie jetzt sei es damals bei Kohl nie zugegangen. "Jetzt läuten sogar die Glocken", witzelte Bohl, als die Rathaus-Uhr Zwölf schlug und eine Kirche einstimmte. "So viel Harmonie schafft Herr Dr. Pohl!"
Unter den Teppich einer harmonischen Veranstaltung im Rathaus gekehrt wurde indes jegliche Kritik an Pohls Geschäftsgebaren. Der Bund der Versicherten bezeichnet ihn als "Chef der größten Drücker-Kolonne Deutschlands".
Erlernt hat Pohl seine erfolgreichen Strategien in der Finanz-Branche beim Gerling-Konzern und bei Bernie Cornfelds Anlage-Firma IOS. Als sie Ende 1969 wegen windiger Geschäfte aufflog, war Pohl aber schon ausgestiegen. Von der FDP wechselte er seinerzeit auch zur CDU über.
Pohl sei immer ein politischer Mensch gewesen, bekräftigte Bohl. Aber er sei auch ein visionärer Unternehmer. So habe er das Konzept der Allfinanz-Dienstleistungen entwickelt und überaus erfolgreich umgesetzt. Die Alleinvertretung der Aachener und Münchener Lebensversicherung kröne nun sein Lebenswerk.
Den Ehrenbürger-Titel verstehe er als Verpflichtung, mit seinen Aktivitäten fortzufahren, die ihm diese Ehre eingebracht haben, erklärte Pohl. Dies geschehe einerseits durch die Dr.-Reinfried-Pohl-Stiftung, zum anderen durch seine Familie. "Es ist das Wesen solcher Würdigungen, dass man sie immer erst in höherem Alter erhält", konstatierte Pohl. "Dann hat man ebenso nur noch wenig Zeit, sich daran zu freuen, wie ihnen weiterhin gerecht zu werden."
Diesen Auftrag reichte er deswegen auch an seine beiden Söhne weiter, die ebenfalls in Marburg leben. Der Universität und der Stadt wünschte Pohl, dass viele Studentinnen und studenten genauso verfahren wie er und nach dem studium auf Dauer in Marburg bleiben.
 
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