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Text von Dienstag, 20. Dezember 2005

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 Taktvoll: Bürgerbahn statt Börsenwahn 
 Marburg * (fjh)
"Bürgerbahn statt Börsenwahn!" Unter diesem Titel verglich Prof. Dr. Wolfgang Hesse am Dienstag (19. September) im Hörsaalgebäude auf Einladung von ATTAC Marburg die deutsche Eisenbahn mit der schweizerischen. Unter diesem Namen firmiert aber auch ein Verein, in dem sich der Marburger Informatik-Professor für eine bürgerfreundliche Bahn engagiert.
Kernpunkt seines Vortrags vor knapp 60 Zuhörerinnen und Zuhörern war die Forderung nach einem "Integrierten Taktfahrplan" (ITF) auch in Deutschland. Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) haben diese Forderung bereits seit Jahren verwirklicht und genießen nicht zuletzt deswegen eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung. Die Zahl der Bahn-Nutzer liegt in der Schweiz um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Diese Tatsache erläuterte Hesse anhand zahlreicher beeindruckender Statistiken.
Dabei waren die Ausgangs-Voraussetzungen bis in die 50er Jahre hinein - abgesehen von der unterschiedlichen Größe der beiden Länder - ziemlich vergleichbar. Nachdem 1829 die erste Eisenbahnstrecke in England und 1835 auch in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth eine Eisenbahn eingerichtet war, entstanden zwischen 1840 und 1950 überall in Europa ausgedehnte Schienen-Netze.
Bis zur Jahrhundertwende betätigten sich hier vor allem private Investoren. Dann wurden die Eisenbahnen fast überall in Europa verstaatlicht. 1902 geschah das in der Schweiz. 1920 entstand dann auch die Deutsche reichsbahn (DR).
Die Schäden des Ersten und des Zweiten Weltkriegs konnte die Deutsche Eisenbahn bis 1950 weitgehend beseitigen. Doch bereits ein Jahrzehnt später begann die Deutsche Bundesbahn (DB) im Westen dann mit ersten Strecken-Schließungen.
Bei der Wiedervereinigung sei das Schienen-Netz im Westen bereits massiv ausgedünnt gewesen, während die DDR ihre Strecken auf niedrigem technischen Niveau fast vollständig erhalten hatte. Seither habe aber auch dort die selbe Entwicklung eingesetzt wie zuvor im Westen, klagte Hesse.
War es vor 1985 noch möglich, von Frankenberg an der Eder nach Gütersloh über Korbach und Brilon-Wald direkt mit der Bahn zu fahren, so müssen Reisende dieses Ziel heute auf riesigen Umwegen über Marburg, Kassel und Hannover ansteuern. Die Entfernung in Bahn-Kilometern wird dadurch mehr als verdoppelt. Gleichzeitig verdoppelt sich auch die Reisezeit.
Mit vielen Beispielen aus der Praxis als Bahn-Kunde und aus dem Fahrplan veranschaulichte Hesse die Qualitäts-Einschränkungen, die die Deutsche Bahn AG (DBAG) ihrer Kundschaft mit der Festlegung auf wenige Hochgeschwindigkeits-Strecken bei gleichzeitiger Ausdünnung des Schienen-Netzes zumutet. Dagegen hielt er immer wieder Beispiele aus der schweiz, wo die Fahrgäste im Vergleich dazu beinahe paradiesische Zustände vorfinden.
Erstaunen und Gelächter löste Hesses Bericht aus, das gleichzeitig mit der Ost-Erweiterung der Europäischen Union (EU) die Fernverbindungen per Bahn in die neuen Mitgliedsländer gestrichen wurden. Besonders beeindruckend war seine Berechnung, wonach die jüngst eröffnete Hochgeschwindigkeits-Strecke von München nach Nürnberg 660 Millionen Euro pro eingesparte Minute Fahrzeit gekostet hat. Für den allein in diese 80 Kilometer Strecke investierten Betrag habe die Schweiz im Jahr 2004 ihr komplettes Eisenbahn-Netz modernisiert.
Große Sorgen bereiten Hesse die Pläne der Bundesregierungen, die Deutsche Bahn AG als marktorientiertes Unternehmen an die Börse zu bringen. Weitere 5.000 Kilometer Strecken-Abbau sind dafür bereits angekündigt. Ein Abbau der Leistungen ist nach Hesses Einschätzung dann ebenfalls zu erwarten. Den Wert der deutschen Eisenbahn schätzen Experten auf 150 Milliarden Euro. Einbringen soll der Verkauf ihrer Aktien an der Börse dem Bund rund 15 Milliarden Euro.
Mit dem Verkauf würde die Bahn zum Spekulations-Objekt, meinten Diskussions-Teilnehmer. Gegen den Ausverkauf dieser öffentlichen Infrastruktur wendet sich der Verein "Bürgerbahn statt Börsenwahn".
 
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