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Text von Mittwoch, 5. April 2006

> p o l i t i k<
  
 Zerstörte Ketzerbach: Wenn Bäume schreien könnten 
 Marburg * (amd)
Ein Skandal ist in Marburg passiert. Es ist ein ungeheuerlicher Frevel an der Natur! Die 15 Platanen, die seit Jahrzehnten in der Mitte der Ketzerbach für Schatten und gute Luft gesorgt haben, wurden am Dienstag (4. April) eiskalt gefällt.
Trotz einer Unterschriften-Sammelaktion von Christine Schwalbach und Birgit Sihn, die immerhin 1.500 Stimmen einbrachte, war das Ende der Bäume gekommen. Gerechtfertigt wurde die Aktion damit, dass die Wurzeln der Bäume angeblich die Versorgungsleitungen und die Straßendecke zerstören. Würde man aber die Wurzeln schneiden, so hätten die Bäume nur noch eine Lebenserwartung von fünf bis zehn Jahren. So entschuldigte Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) dieses Vorgehen.
Vor 30 Jahren wurden diese Platanen gepflanzt. Sie waren gerade richtige Bäume geworden und zierten die Ketzerbach.
Nach Beendigung der geplanten Umbaumaßnahmen sollen wieder 16 Bäume gepflanzt werden. Diesmal Eschen. Nach Angaben der Leiterin des Fachdienstes für Grünflächen Celia Meggers sind diese Bäume auch schon "so gut wie" vorbestellt.
Nun stellt sich jedoch die Frage, was in 30 Jahren sein wird. Werden nicht auch die Wurzeln der Eschen die Fahrbahndecke bedrohen? Wird dann die Ketzerbach wieder "verschönert" werden?
Doch nicht nur der Oberbürgermeister ist für die Verunstaltung der Ketzerbach, sondern auch Bürgermeister Dr. Franz Kahle. Dieser Politiker ist eigentlich Parteimitglied der Grünen. Aber es scheint momentan, dass die Grünen ihrem Namen nicht mehr alle Ehre machen. Das Grün, die Farbe der Natur, wird in Marburg abgeholzt und durch ein 1,80 Meter breites Wasserband ersetzt.
Da stellt sich doch die Frage, ob die Grünen sich nicht eine weniger bedeutsame Farbe aussuchen sollten.
15 große Platanen. 15 Lebewesen. 15 Lebewesen, die nicht vor Schmerz schreien können. Es ist auffällig, dass in letzter Zeit viel grün von der Bildfläche verschwindet. Auch in den Gemeinden des Landkreises Marburg-Biedenkopf werden viele Büsche gerodet, um 2 Quadratmeter mehr Ackerfläche zu haben.
Die Pflanzen haben keine Stimme, um zu protestieren. Das Grün der Natur kann sich nicht wehren oder umziehen. Der Mensch scheint zu vergessen, dass er ein Teil der Natur ist - und auch immer bleiben wird!
Derzeit kämpft er irreführenderweise gegen diese Tatsache. Doch nicht nur gegen diese. Rein zufällig produzieren alle grünen Pflanzen den Stoff, ohne den kein Lebewesen existieren würde: den Sauerstoff!
Doch im Regenwald werden Flächenweise Bäume gerodet. Dort erfolgt es im Großen, in Marburg geschieht es im Kleinen. Stück um Stück verschwinden wichtige Produzenten des Lebensstoffes. Das ist doch widersinnig!
Die 16 neuen Eschen benötigen eine ganze Weile, bis sie groß genug sind, um Schatten zu spenden. Ebenso dauert es auch, bis man die Auswirkung der Bäume auf das Klima in der Ketzerbach spürt. Und dann? Was, wenn in 40 Jahren Wasserbänder nicht mehr "modern" sind, sondern Bäume in der Straßenmitte? Werden die 16 noch nicht existenten Eschen dann ebenfalls abgeholzt?
Die Umgestaltung der Ketzerbach wollte so gut wie keiner. Einzig die Leute im Stadtparlament und der Stadtverwaltung wollten "modern" sein. Ob die Stadt Marburg nach diesem Feldzug wirklich besser aussehen wird, ist wahrscheinlich Geschmackssache. Und das Problem an Mode-Erscheinungen ist, dass sie so oft und so schnell wechseln wie das Wetter.
Man kann nicht immer modern sein. Und man muss es auch nicht!
Die Ketzerbach soll eine Flaniermeile werden. Gut und schön, aber es gibt nicht überall Bedarf an einer Flaniermeile. Die derzeitigen Geschäfte werden durch die Zeit des Baus sehr wahrscheinlich starke Einbußen erleiden. Nach dem Umbau gibt es aber auch keine Besserung, weil die Parkplätze fehlen.
Durch das geplante Wasserband und die verbreiterten Gehwege fallen in der Ketzerbach 100 Parkplätze weg. Wo sollen die Autos dann alle hin? Heutzutage möchte doch jeder direkt vor dem Laden parken, um nicht zu weit gehen zu müssen.
Nun braucht es Geduld und Beobachtung, ob die Marburger Ketzerbach als Flaniermeile mit 16 kleinen Eschen überhaupt als solche genutzt werden wird. Auch
wird es interessant, wie lange es den Bäumen diesmal erlaubt wird, stehenzubleiben und wie lange das Wasserband existieren wird.
Es bleibt abzuwarten, wie lange die Grünen sich noch "grün" nennen werden und wie lange der Mensch braucht, um einzusehen, dass er ein Teil der Natur ist und nicht die Natur ein Teil von ihm.
 
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