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Text von Mittwoch, 19. April 2006

> p o l i t i k<
  
 Kindlicher Mann: Fignerabdrücke von Fußball-Fans 
 Marburg * (fjh)
In der Mitte der Kneipe knubbeln sich die Besucher. Weiter hinten hingegen ist noch einiges frei. Dichtgedrängt sitzen die Leute vor dem Fernsehgerät. Fieberhaft verfolgen sie ein Fußballspiel.
Der FC Barcelona spielt an diesem Dienstag (18. April) gegen Inter Mailand. Der Sieger zieht dann ins Endspiel der Champions League ein.
Wir gehen nach hinten durch. Der Geräuschpegel ist ziemlich hoch. Wir haben Mühe, einander zu verstehen.
Plötzlich ertönen weiter vorne im Lokal Schreie. Ein Tor ist gefallen. Der Fanclub vor dem Fernseher redet laut und erregt durcheinander.
Beim Fußball werden erwachsene Männer zu Kindern. Leute, die sonst bierernst durch die Gegend gehen, können sich plötzlich ausgelassen freuen. Männer umarmen Männer. Erwachsene laufen singend durch die Stadt.
Singend? Oft wohl eher grölend!
51 Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland sorgen sich Polizeibeamte um die Sicherheit des Turniers. Deswegen sollen gewaltbereite Fans jetzt ihren "Genetischen Fingerabdruck" abliefern. So möchten die Behörden Gewalttäter wenigstens hinterher dingfest machen können, wenn sie die Gewalt schon nicht vorab verhindern können.
Law-and-Order-Ideologen wie dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble scheint die Fußball-WM einen willkommenen Anlass zu bieten, seine Wünsche bezüglich einer allumspannenden Überwachung aller "Potentiellen Straftäter" durchzusetzen. Sicherlich muss man die Hooligans-Szene im Auge behalten. Rechtsradikale Kräfte und Leute, die es einfach nur auf Randale anlegen, beginnen nach den Spielen ihre "Dritte Halbzeit". Da geht es dann mitunter hoch her!
Es ist aber schon merkwürdig, wie Innenpolitiker und Polizei sofort ihre Folterwerkzeuge auspacken, wenn sie Möglichkeiten einer Einschränkung von Bürgerrechten wittern. Die selben Leute drücken meistens aber alle Augen zu, wenn rechte Gewalttäter ihr Unwesen treiben. Erst jetzt, wo in Potsdam am Sonntag (16. April) ein 37-jähriger Deutscher äthiopischer Herkunft brutal überfallen wurde, schrecken sie auf. Vorher haben viele zur rechtsradikalen Gewalt auf ostdeutschen Straßen geschwiegen.
Mit dem Osterfest feiern die Christen die Auferstehung ihres Religionsstifters. Jesus habe sterben müssen, damit wir leben, erklären sie dazu. Musste am Ostersonntag 2006 an einer Potsdamer Haltestelle dieses Opfer noch einmal wiederholt werden, damit wir endlich innehalten und verstehen?
"Lasset die Kinder zu mir kommen!" Diese Aufforderung der Bibel sollten die Menschen endlich ernst nehmen! Schön wäre es, wenn die Christen Nächstenliebe verbreiteten anstelle ihrer konservativen Kirchen-Dogmen. Der Respekt vor allen Menschen - auch denen mit anderer Hautfarbe - ist eine Grundbedingung für ein zukunftsfähiges Land in Zeiten der "Globalisierung". Gegen Gewalt helfen nämlich keine "Genetischen Fingerabdrücke", sondern nur Toleranz und Respekt.
 
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