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Text von Freitag, 3. März 2006

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 Europäisch aufgeklärt: Podium zum "Karikaturen-Streit" 
 Marburg * (anm)
"Ja, es gibt einen Kampf der Kulturen." Mit diesen Worten eröffnete Dr. Dr. Joachim Kahl am Donnerstag (2. März) die Podiumsdiskussion zum Thema "Krieg über Karikaturen. Wieviel Kritik an Religionen ist erlaubt?". Organisiert wurde die Veranstaltung vom Zentrum für Konfliktforschung (ZfK) der Philipps-Universität und der Humanistischen Union (HU).
Den Einstieg in die Diskussion bildeten einige Rahmenüberlegungen des Philosophen Kahl. Es gebe einen "Kampf der Kulturen", der offensiv, mutig und selbstbewußt als "dialogischer" Kampf geführt werden müsse., damit die Errungenschaften der Demokratie, wie Meinugs-, Presse- und vor allem Religionsfreiheit verteidigt und erhalten werden. Seiner Meinung nach schafft erst Säkularisierung die Möglichkeit einer Co-Existenz der verschiedenen Religionen und damit wirkliche Religionsfreiheit.
Kahl sieht den eigentlichen Skandal nicht in den zwölf dänischen Karikaturen und ihrer Veröffentlichung. Vielmehr liege er in den Reaktionen von Teilen der islamischen Welt.
Das Abbrennen von Kirchen, Botschaften und Länderfahnen wurde später von Prof. Dr. Hans Schauer mit der Reichs-Pogromnacht verglichen.
Kahl setzte sich weiterhin für eine "durchdachte Toleranz" und gegen eine gesetzliche Privilegierung des Schutzes religiöser Gefühle ein. Ein Verletzen dieser Gefühle sei der notwendige Preis jedes Fortschritts. Sokrates, Martin Luther und Charles Darvin seien Beispiele dafür.
Für wichtig hält Kahl eine "Modernisierung" des Islam von innen heraus. Ähnlich wie bei der europäischen Aufklärung sollte innermuslimisch eine Bewegung in diese Richtung stattfinden. Kahl betonte auch, dass diese "Modernisierung" von aussen nicht zu machen sei.
Der evangelische Pfarrer Hannes Eibach vertrat die These, dass die schärfste Kritik der Religion die Religion selbst sei. Für ihn steht die Freiheit des Einzelnen im Vordergrund. Deswegen sprach er sich gegen das "Aufdrücken der westlichen Sichtweise bei Anderen" aus.
Das "unlogische Handeln der fanatischen Islamisten" sprach Dr. Kamal Sido an. Zuerst hätten sie sich mit der westlichen Welt gegen die damalige Sowjetunion verschworen. Nach ihrem Zerfall richteten sie ihre Antipathien dann gegen den Westen. Außerdem meinte er, dass weder Allah noch Mohammed zu Kämpfen oder gar Kriegen aufforderten.
Des weiteren erwähnte er die Opfer-Rolle, die die Islamisten gerne einnehmen. Dazu stellte er die Frage, ob sich Opfer mit dem Verweis auf ihre schlimmen Erfahrungen alles erlauben dürfen.
Pressefreiheit wie sie bei uns existiert gibt es in dieser Form in den meisten islamischen Ländern nicht. Deswegen liegt die von Kahl gewünschte Aufklärung im Islam auch Sido am Herzen.
Aus der Sicht des Politikwissenschaftlers betrachtet Andre Bank vom ZfK das Problem. Er erklärte, dass die meisten Muslime andere Probleme hätten, als die dänischen Karikaturen. Vor allem dort, wo die stärksten Reaktionen darauf auftauchten, herrschen in der Regel laiizistische Regierungen. Die Medien hätten den "Karikaturen-Streit" hochstilisiert.
Nach Banks Ansicht benutzen bestimmte Politiker die Karikaturen, um eine grundsätzliche anti-westliche Stimmung noch anzufeuern. Eibach und Bank forderten ein besseres gegenseitiges Kennenlernen der Kulturen und Religionen. Das soll helfen, Diskussionen und Kritik sinnvoll zu untermauern.
Diskussionsleiter Dragan Pavlovic hatte Karikaturen über das Christentum mitgebracht. Bei einigen von ihnen hätte er schmunzeln müssen, erklärte Eibach, denn sie trafen seine Meinung. Andere gefielen ihm nicht. Trotzdem blieb er gelassen und ließ sich durch die Karikaturen nicht stören. Diese Gelassenheit und Offenheit wünscht sich Sido auch von islamischen Geistlichen.
Der HU-Ortsvorsitzende Franz-Josef Hanke zitierte zum Abschluss den Romanisten Prof. Dr. Erich Auerbach, der 1938 von marburg nach Istanbul emigrieren musste: "Es gibt ein gemeinsames Kulturerbe der Menschheit."
 
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