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Text von Sonntag, 19. März 2006

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 Geifer, Größe, Grusel: Wahlkampf um Wilhelmsplatz 
 Marburg * (fjh)
Der Wahlkampf startet in die Endrunde. Am Sonntag (26. März) wählen Marburgs Bürgerinnen und Bürger den Kreistag, das Stadtparlament und die Ortsbeiräte.
Eine willkommene Vorlage für Kritik an der regierenden Koalition aus SPD und Grühnen haben Oberbürgermeister Egon Vaupel und Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer der CDU mit ihrem Vorschlag geliefert, den Wilhelmsplatz in "Hanno-Drechsler-Platz" umzubenennen. Zum 75. Geburtstag des langjährigen Marburger Oberbürgermeisters am Freitag (24. März) wollten sie seine Verdienste so auf prominente Weise würdigen.
Fast 22 Jahre lang lenkte Dr. Hanno Drechsler die Geschicke Marburgs. In seine Amtszeit fielen auch unpopuläre Entscheidungen wie der Abriss des Bieden-Ecks am Rudolphsplatz zugunsten eines Hotels und die Neubebauung des gegenüberliegenden Schlachthof-Geländes. Vor allem der abriss des Luisa-Bades erregte eine große Mehrheit der Bevölkerung.
Gegen Ende seiner Amtszeit hatte sich der Oberbürgermeister einen eher autokratischen Führungsstil zugelegt. Er verbarrikadierte sich regelrecht im Rathaus und ließ die Bürger kaum noch zu sich vor. Wenn er dann aber einmal öffentlich auftrat, beeindruckte der ehemalige Assistent Wolfgang Abendroths durch seine Wortgewalt, ebenso wie seine Arroganz abstieß.
Trotz dieser "Schattenseiten" strahlt Drechslers Amtszeit unter dem Strich mehr positive Wirkungen aus: Er schloss die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft zwischen Marburg und Eisenach. Er führte zu Beginn seiner Amtszeit die systematische Sanierung des historischen Baubestands ein. Ohne ihn sähe die Oberstadt heute vielleicht ähnlich aus wie der Richtsberg!
Zweifelsohne hat Drechsler die Benennung einer Straße oder eines Platzes in Marburg als posthume Würdigung verdient. Doch gibt es noch viele andere herausragende Marburgerinnen und Marburger, an die auf diese Weise ebenso erinnert werden sollte. Manche genießen ihren Ruhm nur in fachkreisen, während sie in Marburg kaum einer kennt.
Da ist der Romanist Prof. Dr. Dr. Erich Auerbach. Er musste seinen Lehrstuhl in Marburg 1938 aufgeben, weil er jüdischer Abstammung war. Mustapha Kemal Atatürk lud ihn daraufhin nach Istanbul ein, wo er eine Universität nach westeuropäischem Vorbild mitbegründete.
In seinem Hauptwerk "Mimesis - dargestellte Wirklichkeiten" hat Auerbach nachgewiesen, dass in allen Erzähltraditionen der verschiedenen Kulturkreise immer wieder die selben Geschichten auftauchen. "Es gibt ein gemeinsames Kultur-Erbe der Menschheit", lautete seine Erkenntnis. Sie setzte er der Beahuptung der Nazis entgegen, dass die "deutsche Kultur" allen anderen "überlegen" sei.
Viel zu wenig bekannt ist in Marburg auch der Jurist Prof. Dr. Franz Eduard von Liszt. In seiner Antrittsvorlesung an der Philipps-Universität im Jahr 1882 verkündete er das "Marburger Manifest". Darin forderte er als erster einen "sozialen Strafvollzug", in dem die "Resozialisierung" wichtiger sein sollte als Rache und Bestrafung. Sein Kernsatz it auch heute noch aktuell wie ehedem: "Eine gute Sozialpolitik ist die beste Kriminalpolitik!"
Außerdem ist der Cousin des brühmten komponisten Franz Liszt auch der Begründer des Internationalen Völkerrechts. Er brachte die Theorien des Philosophen Immanuel Kant zum Frieden in die Form verbindlicher Rechtsnormen.
Ebenso aktuell ist auch heute noch die Arbeit des Philosophen und Theologen Prof. Dr. Eduard Zeller. Weil er die Bibel als Buch verstand, das man aus der Zeit seienr Entstehung heraus interpretieren müsse und deshalb nicht immer wörtlich nehmen dürfe, erhielt er ein Lehrverb ot als Theologe. Doch als Philosoph genoss er große Anerkennung.
Gemeinsam mit anderen gründete Zeller den Marburger Armenverein. Je eine wohlhabende Persönlichkeit kümmerte sich um Bedürftige in einem vorher festgelegten Straßenzug. Tätige Hilfe war dabei das Ziel, bei dem die Helfenden sich dann auch immer gegenseitig unterstützten.
Nicht vergessen werden dürfen auch die bedeutenden Frauen. Die Sprachwissenschaftlerin Luise Berthold war die erste Professorin an der Philipps-Universität. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sie gemeinsam mit andren Frauen die Marburger Frauenliste. Ziel war die Gleichberechtigung der frauen in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft.
Diesem Ziel war auch Dr. Hedwig Jahnow verbunden. Mit ihrer Position als Stellvertretende Direktorin der Elisabethschule war sie Anfang der 30er Jahre die höchstrangige Frau im deutschen öffentlichen Schulweesen. Außerdem war sie die erste Frau im Magistrat der Universitätsstadt Marburg. Die vom Judentum konvertierte evangelische Theologin wurde 1942 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.
Vor einer Ermordung im KZ gerettet hat Eva Hermann mehr als 200 Menscen. Deswegen verbrachte sie selbst einige Jahre im Nazi-Zuchthaus. Kurz vor ihrem Tod hat das Shoa-Projekt des regisseurs Steven Spielberg ihre Lebensgeschichte noch verfilmt.
Viele weitere Menschen wären ebenso noch zu nennen, denen marburg einiges verdankt. Sie haben den offenen Geist der Stadt geprägt. Sie alle verdienten deswegen ebenso die Benennung einer Straße oder eines Platzes wie Hanno Drechsler.
Doch den Streit um die Namensänderung des Wilhelmsplatzes hat auch er nicht verdient. So ein kleinkariertes Affentheater hat im Wahlkampf nichts zu suchen. Hier wirkt die Kritik der CDU wie kleinkarrierte Nörgelei. was würden die Christdemokraten wohl sagen, wenn der Wilhelmsplatz nach einem ihrer Parteifreunde umbenannt werden sollte?
 
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