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Text von Sonntag, 15. Januar 2006

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 Deutsche in Kolonien: In Afrika weiß sein 
 Marburg * (sts)
"Deutschland ist keine unbelastete ehemalige Kolonialmacht. Die imperiale Episode des deutschen Kaiserreichs ist nicht folgenlos geblieben." Diese zwei Thesen vertrat der Berliner Historiker Dr. Joachim Zeller am Freitag (13. Januar) bei seinem Vortrag "Deutscher Kolonialimperialismus - Geschichte und Gegenwart" im Marburger Weltladen.
Dass dieses Thema gerade heute wieder auf großes Interesse stößt, bewies das zahlreich und diskutierfreudig erschienene Publikum. Im Vergleich zu den großen Kolonialstaaten Europas wie Großbritannien oder Frankreich mutet der deutsche Kolonialbesitz zwischen 1884 und 1914 eher bescheiden an.
ie Kolonie Tsingtao im Osten Chinas und der Inselbesitz im Pazifik diente ausschließlich als Ausgangspunkt zur wirtschaftlichen Durchdringung des chinesischen Riesenreichs. In Afrika gab es die reine Handelskolonie Togo, in der nie mehr als circa 360 Deutsche lebten. Auch in Kamerun ging es einzig um die Errichtung großer Plantagen. In die wirklichen Siedlungskolonien Deutsch-Südwestafrika (das heutige Namibia) und Deutsch-Ostafrika (das heutige Tansania) emigrierten bis zum Beginn des 1. Weltkrieges gerade einmal 29.000 Deutsche. In die USA waren es zum Vergleich insgesamt 4,5 Millionen.
"Das deutsche Kolonialreich war aber auch nicht zur Masseneinwanderung geeignet. Namibia war beispielsweise als Afrikas Sandbüchse verschrien", gab Zeller zu Bedenken. "Die deutschen Kolonien waren die Gebiete, an denen die anderen europäischen Mächte kein Interesse hatten."
Dennoch hat die deutsche Kolonialpolitik Folgen, die bis in die Gegenwart reichen. Besonders der Krieg gegen die Hereros in Südwestafrika (1904-1908) ist hier zu nennen. Nach der Schlacht am Waterberg verfolgte General von Throta die Hereros in die Wüstengebiete im Osten des Landes. Er ließ alle Wasserlöcher von seinen Truppen besetzen, wodurch drei Viertel aller Hereros elendig ums Leben kamen. Der Rest - rund 15.000 Menschen - wurden in Konzentrationslagern interniert. "Hier lassen sich durchaus Kontinuitätslinien zum Holocaust ziehen.
"Die Inhaftierung aller Angehörigen einer Volksgruppe, ob Mann, Frau oder Kind, sowie die Verrichtung von Zwangsarbeiten sind auch Kennzeichen der Konzentrationslager unter dem Nazi-Regime", erklärte Zeller. Nach heutigen Maßstäben sei dies ein Völkermord gewesen. Im Gegensatz zur Vernichtung des europäischen Judentums sei dieser jedoch nicht von langer Hand geplant, sondern rücksichtslos in Kauf genommen worden.
2004 war das Thema zum hundertsten Jahrestag des Herero-Aufstandes wieder ins Blickfeld gerückt. Die deutsche Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) hatte sich damals in Namibia für den Völkermord an den Hereros entschuldigt. Zudem versprach sie zusätzliche 20 Millionen Euro an Entwicklungsgeldern. Trotzdem ist bis zum heutigen Tag eine Klage der Hereros wegen des Völkermordes in den USA anhängig, der jedoch wenig Aussicht auf Erfolg beschieden ist.
"Herero-Chef Kuaima Riruako ist es damit aber gelungen, das Thema der Weltöffentlichkeit zu vergegenwärtigen", meinte Zeller. Im August jedes Jahres ziehen die Hereros in ihre Hochburg nach Okahandja, um ihren verstorbenen Anführern zu gedenken.
Der Staatsbesuch des namibischen Präsidenten Hifikepunye Pohamba im Dezember 2005 in Deutschland stand ebenfalls noch ganz im Zeichen deutscher Kolonialpolitik. Ein Versöhnungsvertrag zwischen beiden Staaten kam nicht zustande, da Pohamba die Unterschrift verweigerte und die Inhalte zuerst noch mit den Führern der einzelnen Stämme seines Landes beraten wollte.
Namibia wird heute von den Ovambos dominiert, der größten Bevölkerungsgruppe des Landes, die während der Kolonialzeit aber überhaupt kein Land verloren hatte. Dies sei auch ein Hauptgrund dafür, dass die Landreform in Namibia in geordneten Bahnen von statten gehe, erklärte Zeller.
Ein zweites Simbabwe, in dem Diktator Robert Mugabe sämtliche weißen Farmer des Landes verwiesen habe, werde es in Namibia nicht geben. Aufgrund der klimatischen Verhältnisse seien die Farmen flächenmäßig sehr groß, um nur einigermaßen wirtschaftlich tragfähig zu sein, wodurch eine Parzellierung nicht in Frage komme.
Zum anderen verlange der Beruf des Farmers enorme Kenntnisse auf vielen Gebieten. Hier müssten erst einmal die nötigen Ausbildungsgrundlagen geschaffen werden. Bisher sind in Namibia 157 Farmen vom Staat aufgekauft und umverteilt worden. Zwei Farmen wurden enteignet. Die Besitzer erhielten aber eine nahezu marktgerechte Entschädigung.
Für das deutsche Kaiserreich sei der Kolonialbesitz letztlich weder wirtschaftlich noch sozioökonomisch ein Erfolg gewesen. Einzig die kleine Kolonie Togo konnte sich finanziell selbst tragen. Dennoch trug die kurze imperialistische Phase Deutschlands dazu bei, die Einteilung der Menschheit nach Rassen zu verstärken. "Dies ist eine der verheerendsten Folgen der Kolonialpolitik. Dieses rassifizierte Bild tragen wir bis heute in uns", behauptete Zeller.
Aus diesem Grund begrüßte er grundsätzlich auch neuere Forschungsrichtungen, in denen es darum geht, das eigene "Weiß-Sein" in den Blickpunkt zu rücken. Die sogenannte "Kritische Weiß-Sein-Forschung" soll der Phase des "Schauens ohne angeschaut zu werden" (Jean-Paul Sartre) ein Ende bereiten. "Es geht hier um einen Vorgang der inneren Dekolonialisierung. So würde bestimmt ein Großteil von uns der These, dass Deutschsein mit Weiß-Sein zu tun habe, zustimmen", veranschaulichte der in Namibia geborene Historiker das Theoriegebilde.
 
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