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Text von Sonntag, 19. November 2006

> k u l t u r<
  
 Paar paradox: Seitensprung mit Tradition 
 Marburg * (atn)
Die ganz große Liebe. In sechs Akten. In Sex-Akten und Jahrestakten. Darum geht es bei "Nächstes Jahr - gleiche Zeit". Die Komödie von Bernanrd Slade feierte am Samstag (18. November) Premiere im Theater am Schwanhof (TaSch 1).
"Same time, Next Year" war der internationale Durchbruch des Autors. Der einstige Schauspieler wurde 1930 in Ontario geboren. Seine Kindheit verbrachte er in England. Inzwischen lebt er in den USA.
Hier verfasste er im Laufe der Jahre über 100 Fernsehspiele, die von den wichtigsten US-amerikanischen und kanadischen Sendern sowie der British Broadcast Corporation (BBC) gezeigt wurden.
Das Drehbuch zu dem Theaterstück "Same time, Next Year" brachte Slade zunächst das Misstrauen seiner Gattin ein. Sein Sohn zeigte sich jedoch begeistert, sein Freund eher deprimiert. All das verstand Slade als gutes Zeichen für einen Erfolg. "Same time, Next Year" startete daraufhin seinen vierjährigen Triumphzug am Broadway.
Das Stück beginnt im Jahr 1951. In ein Hotelzimmer an der Pazifik-Küste der USA tänzelt der beflissene Mister Chalmers. Dargestellt hat ihn in Luisa Brandsdörfers Marburger Inszenierung Bernd Kruse. Er zupft hier, glättet da, rückt das Caf‚tablett zurecht und ist schon wieder verschwunden. Im Hintergrund fließen Bilder vergangener Zeiten über die Wand. Sie zeigen Damen in umständlichen Bademoden, Herren mit akkuraten Scheiteln und Kniestrümpfen in weißen Schuhen. Daneben stehen der brave Sohn und die von blonden Zöpfen umrahmte Tochter. Alle mit amerikanisch strahlend-weißen Zähnen.
Im Bett vor der Leinwand liegen zwei Mitt-Zwanziger. Er ist dunkelhaarig und sehnig, genauso akkurat wie die Herren aus der Werbung. Sie, noch etwas verschlafen, streckt sich aus wie ein Kätzchen, das sich unbeobachtet glaubt. Beide sind sehr überrascht und irritiert von der eigenen Lage. George und Doris, dargestellt von Ulrike Knobloch und David Gerlach, haben gemeinsam, dass sie beide verheiratet sind und je drei Kinder haben. Und außerdem noch die vergangene Nacht. Sonst sind sie recht verschiedene Charaktere.
Im Laufe der folgenden zwei Stunden, die in sechs Akten mit einer Pause über die Bühne gehen, vergehen im Stück 24 Jahre. George und Doris teilen in ihren gemeinsamen Stunden in ein und dem selben Hotelzimmer jedes Jahr für ein Wochenende ihr Leben miteinander. Dabei ist der eine stets ein Stück Therapeut für den anderen. Er sieht ihn mit Augen, die noch nicht von der Gewohnheit getrübt sind und bringt so Verborgenes in ihm zutage.
Ob die große Liebe große Pausen brauche, wird das Publikum gefragt. Doch die große Liebe hielt sich in "Nächstes Jahr, gleiche Zeit" stets dezent im Hintergrund. Vielleicht wurde sie auch einfach übertönt von der manchmal recht hektischen Art der Darstellung. Trotz einiger nachdenklicher und rührender Szenen blieb die Komödie leider aber auf dem Niveau einer amerikanischen Erfolgs-Story á la "vom Tellerwäscher zum Millionär". Dabei leistet sich der Tellerwäscher nebenbei jedes Jahr ein Rendezvous, das ihn davon überzeugt, noch voll und ganz im Stande zu sein, seine Rolle als Mann ausfüllen zu können.
Im ausverkauften Tasch 1 herrschte dennoch gute Stimmung. Die Komödie erfüllte ihren Zweck und brachte das Publikum oft zum Lachen. Mag sein, dass die deutsche Fassung von Gerty Agoston einige von Slades Pointen den deutschen Hörern vorenthalten hat. Hätte man beim abendlichen Zappen jedoch eine ähnliche Geschichte auf der Mattscheibe gehabt, hätte man wahrscheinlich auf der Suche nach vollwertigerer Kost die Fernbedienung weiterbetätigt.
 
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