Sie sind hier: marburgnews >
Heute ist Montag, 24. Januar 2022

Text von Montag, 30. Oktober 2006

> k u l t u r<
  
 Würdige Württemberger: Eberle begeisterte bei Jubiläum 
 Marburg * (fjh)
Mit einem gelungenen Paukenschlag begann das Jubiläumskonzert des Marburger Konzertvereins am Sonntag (29. Oktober) in der Stadthalle. Schon vor der Pause wurde die erste Zugabe fällig. Das Württembergische Kammerorchester Heilbronn und vor allem die Violinistin Veronika Eberle hatten das Publikum schon ganz und gar überzeugt.
Es war ein absolut würdiges Konzert für einen festlichen Anlass. Gleich zwei Jubiläen hatte der Konzertverein zu begehen: Vor 50 Jahren hatte der Verein nach kriegsbedingter Unterbrechung sein Veranstaltungsprogramm 1956 wieder aufgenommen. Gegründet worden war er bereits 1786. Somit begrüßte der Vereinsvorsitzende Dr. Friedemann Nassauer den Oberbürgermeister der Stadt Marburg und etliche Ehrengäste auch zum 220. Geburstag des Konzertvereins.
In einer kurzen Festansprache dankte Oberbürgermeister Egon Vaupel dem Verein für sein Engagement. Knapp 10.000 Musikfreunde genießen jedes Jahr die von zahlreichen Ehrenamtlichen organisierten Konzerte in der Stadthalle. Damit leiste der Verein einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben der Stadt.
In den Anfangsjahren war es noch üblich gewesen, bei Aufführungen zu rauchen oder Karten zu spielen, wusste Vaupel zu berichten. Doch habe der Verein damals eine Geldbuße verlangt, wenn das Konzert gestört wurde. "Heute sind wir im Verständnis für den Wert der Musik dann doch ein gutes Stück vorangekommen", freute sich das Stadtoberhaupt.
Das stimmt. Was den knapp 1.000 Besuchern in der Stadthalle am Sonntagabend geboten wurde, das schloss jegliches Abschweifen in nichtmusikalische Gefilde allein schon durch seine ergreifende Darbietung kategorisch aus. Ruben Gazarian dirigierte das Württembergische Kammerorchester mit engagiertem Einsatz, pointierter Präzision und leidenschaftlicher Ausdruckskraft. Er verstand es, deutliche Punkte zu setzen und sich dann auch wieder ganz stark zurückzunehmen.
Doch Gazarian servierte nicht nur einen Genuss für das Ohr. Der junge Dirigent bot auch ein Spektakel für das Auge: Seine lange dunkle Mähne flog hin und her, wenn er den Kopf abrupt herumwarf oder neigte. Nicht ohne Grund haben ihn Kritiker schon einen "jungen Leonard Bernstein" genannt.
Gazarians theatralischer Dirigier-Stil korrespondiert mit einer konturierten Interpretation des jeweiligen Werks. Besonders gelungen ist sie ihm gleich zu Beginn mit Ludwig van Beethovens "Coriolan-Ouvertüre" (opus 62). Die lauten Passagen kamen kraftvoll und punktgenau. Doch auch die leisen Töne spielte das Orchester exakt und einfühlsam. Besser hätte man die unterschiedlichen Stimmungen des Stücks kaum herausarbeiten können!
Den absoluten Höhepunkt des Abends bildete aber zweifellos das Violinkonzert in D-moll (opus 47) von Jean Sibelius. Hier begeisterte vor allem die Solistin Veronika Eberle. Obwohl sie gerade erst 18 Jahre alt ist, spielte sie mit einer solchen Präzision und Tiefe, dass man sich eine Verbesserung kaum noch vorstellen kann!
Den modern anmutenden Beginn des Stücks zog die 1790 gebaute Violine Eberles ganz in ihren Bann. Süßliche Klänge erzeugte sie ebenso ergreifend und klar wie schnelle Passagen. Eberles Spiel war konzentriert, gefühlvoll und sicher zugleich. Hier war eine große Virtuosin am Werk, der sicherlich noch eine glänzende musikalische Zukunft bevorsteht.
Begeisterte "Bravo"-Rufe belohnten die junge Violinistin für ihr Spiel. Der Dirigent und die strahlende Solistin umarmten sich auf der Bühne. Dann entließ Eberle das hocherfreute Publikum mit einer Zugabe in die Pause.
An dieses Niveau konnte Beethovens "Pastorale" nach der Pause dann nicht mehr ganz anknüpfen. Die Sinfonie Nummer 6 in F-Dur (opus 68) gewann erst in ihren letzten beiden Sätzen die Präzision, die Gazarian zu Beginn mit der "Coriolan-Ouvertüre" vorgelegt hatte. Vor allem im zweiten Satz konnte man winzige Unstimmigkeiten zwischen den Musikern heraushören. Auch wirkte der Einstieg ein wenig zu gefällig.
Insgesamt aber war der Abend absolut gelungen. Sowohl das Orchester und sein Dirigent wie vor allem auch die junge Violinistin haben sich mit Leidenschaft und Präzision in viele hundert Herzen hineingespielt.
 
 Ihr Kommentar 


Kultur-Archiv






© 2006 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg