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Text von Sonntag, 15. Oktober 2006

> k u l t u r<
  
 Berufs-Ausübung: Klasse Klassen-Widersprüches
 
 Marburg * (ule)
Die Premiere von "Der Herr Puntila und sein Knecht Matti" lockte viele Brecht-Fans am Samstag (14.Oktober) in die Marburger Stadthalle. Ein abwechslungsreiches Vorprogramm stimmte das Publikum auf den Abend ein. Verschiedene Texte von Bertolt Brecht wurden gelesen und Brecht-Lieder gesungen.
Als sich schließlich der Vorhang öffnete, war schnell klar, dass jetzt großes Theater gespielt wird. Erzählt wurde die Geschichte des finnischen Gutsbesitzers Puntila und seines Chauffeurs Matti. Puntila hat zwei - einander völlig widersprechende - Persönlichkeiten.
Während er im nüchternen Zustand ein skrupelloser Kapitalist ist, vergisst er all seine Interessen und wird zu einem umgänglichen und friedlichen Menschen, sobald er betrunken ist.
Der nüchterne Puntila verschachert seine attraktive Tochter Eva an den langweiligen, aber standesgemäßen Attach&ecaute;. Weil Eva den Attaché aber nicht will, inszeniert sie eine Liaison mit Matti.
Puntila ist entsetzt über den "Klassen-Verrat". Der völlig überschuldete und charakterlose Attaché hingegen tut, als bemerke er die vermeintliche Liaison nicht. Aus Geldgier will er die verzweifelte Eva trotzdem heiraten.
Auf der Verlobungsfeier schließlich wirft der trunkene Puntila den Attaché hinaus. Dann will er Eva mit Matti verloben. Der lehnt jedoch ab.
Brecht hatte "Puntila" 1940 zusammen mit der finnischen Schriftstellerin Hella Wuolijoki im Exil geschrieben. Das Stück zeichnet sich vor allem durch seine starken politischen Konturen aus. Sie sind Ausdruck der Wut über die Niederlage der Arbeiterklasse, die in den 30er Jahren zum Aufstieg des Faschismus geführt hatte.
Im Zentrum steht der Klassen-Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Während Matti die geknechtete, aber historisch überlegene Arbeiterklasse repräsentieren soll, steht Puntila für das Kapital in all seiner Widersprüchlichkeit. Die schöne Eva hingegen symbolisiert den Klassen-Kompromiss, der für keine der beiden Seiten auf Dauer aushaltbar ist.
Indem er Matti die Verlobung mit Eva ausschlagen lässt, versucht Brecht die Unversöhnlichkeit der Klassen-Interessen heraus zu arbeiten. Vor diesem Hintergrund ist Regisseur Peter Radestock die Inszenierung vortrefflich gelungen. Sie stellt eine angenehme Mischung aus Kontinuität und Brüchen dar.
Insbesondere das abrupte Ende unterscheidet sich deutlich vom Original. Auch das Bühnenbild war ein Bruch mit Brecht. Während das Stück bei der Uraufführung 1948 in Zürich noch umrahmt war von einer großen Wand aus Birkenrinde, ging Radestock mit seinem Bühnenbild bewusst weg von dem im Stück beschriebenen Dorf-Charakter. Stattdessen siedelte er die Szenen mit einfachen weißen Bühnenkonturen assoziativ in der heutigen Industriegesellschaft an.
Kontinuität dagegen gab es bei der Trennung der Szenen. Statt des üblichen Vorhangs, der die einzelnen Szenen voneinander abtrennt, wählte Radestock eine transparente Wand. Sie erlaubt es dem Zuschauer, der geschäftigen Vorkehrungen dahinter mehr oder weniger gewahr zu werden.
Mit einer großartigen Besetzung der Figuren schafft es Radestock, dass die Darstellung des Klassen-Widerspruchs in allen Szenen für den Zuschauer erkennbar bleibt. Das ist insbesondere den beiden Hauptfiguren Thomas Streibig als Puntila und Stefan Gille in der Rolle des Matti zu verdanken. Beide finden sich auf feinsinnige und einfühlsame Art in die Balance ihrer Figuren hinein.
Auf vortreffliche Weise gelingt es ihnen durch eine starke Akzentuierung auf das Pantomimische die Szenen umfassend heraus zu spielen. Matti wirkt schon durch seine körperlich überragende Statur dem etwas hageren Puntila überlegen. Beide Hauptdarsteller spielten sich schnell ins Herz des Publikums, was am Ende mit tosendem Applaus quittiert wurde.
Der gesellschaftskritische und aktuelle Anspruch des Stücks wurde aber vor allem durch das Rahmenprogramm hervorgehoben. Die im Foyer aufgebauten Collagen des Marburger Malers Richard Stumm aus Skizzen zum Stück und aktuellen Zeitungsausschnitten machten "Puntila" zu einer politischen Aussage. Insgesamt sprach der Abend all denjenigen aus der Seele, die sich mit Arbeitslosigkeit und neoliberaler Umverteilung nicht abfinden wollen.
 
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