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Text von Montag, 27. März 2006

> k u l t u r<
  
 Reichlich da: Ostalgie in "Die Anderen" 
 Marburg * (sts)
Nach en Ostalgie-Komödien "Sonnenallee" und "Good Bye Lenin" läuft mit "Das Leben der Anderen" nun ein neuer Film über die ehemalige DDR in den deutschen Kinos. Der erste abendfüllende Spielfilm von Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck beleuchtet den Sozialismus aus einem völlig anderen Blickwinkel, abseits von Trabbis und Spreewaldgurken. Am Sonntag (26. März) war der 33-Jährige zu Gast im Cineplex Marburg, um seinen Film mit den Zuschauern zu diskutieren.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe), der von seinem Vorgesetzten Oberstleutnant Anton Grubitz (Ulrick Tukur) auf den Dramatiker Georg Dreymann (Sebastian Koch) und dessen Lebensgefährtin, die Schauspielerin Christa-Maria Siegland (Martina Gedeck) angesetzt wird.
Systematisch wird Dreymanns Wohnung verwanzt. Wiesler erhält von seinem Beobachtungsposten auf dem Dachboden von Dreymanns Wohnung einen Einblick in Gespräche, Arbeit und Liebesleben des Paares. Dies entfremdet ihn zusehends von seinem eigenen trostlosen Dasein.
Als Dreymann, erschüttert vom Freitod eines befreundeten Theater-Regisseurs, beschließt, einen Artikel über Selbstmörder in der DDR in einer West-Zeitung zu veröffentlichen, deckt Wiesler das Vorhaben und fälscht seine Observierungsberichte.
Von der Stasi verhaftet und massiv unter Druck gesetzt, verrät Siegland schließlich ihren Freund und das Versteck der geheimen Schreibmaschine. Wiesler wird zu einer endgültigen Entscheidung über staatliche Linientreue oder Landesverrat gezwungen.
Fünf Jahre hat von Donnersmarck bis zur Fertigstellung des Films gearbeitet. Am Ende steht ein tief bewegendes Drama und ein hochspannender Thriller. Herausgekommen ist ein Film, der die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes und die Ohnmacht der ins Visier geratenen Bürger an Menschen und nicht an Institutionen festmacht.
"Für mich gibt es keine Staatsebene, sondern es gibt immer nur Menschen und ihre Gefühle", sagte von Donnersmarck. Menschen wie den Stasi-Mann Wiesler, der für den Regisseur ein "kleiner Gorbatschow" ist: "Wir dürfen nicht vergessen, dass die Stasi 1989 die Macht für ein zweites Peking oder einen zweiten 17. Juni hatte. Letztendlich waren es Stasi-Leute wie Wiesler, die ein solches Szenario verhindert haben und die Grenzen öffneten."
Zeigt "Das Leben der Anderen" nun im Gegensatz zu den Ost-Komödien das wahre Gesicht der DDR? "Es gibt für mich kein Ganzes. Die Komödien haben dazu gedient, das Verhältnis zur DDR zu entkrampfen. Vielleicht ist mein Film dadurch erst möglich geworden. Ich sehe ihn jedenfalls durchaus in einer Traditionslinie zu den Vorgängern."
Trotz aller historischen Präzision und Ernsthaftigkeit des Films vergisst der Regisseur aber nicht das wesentliche: "Zuallererst will ich den Zuschauer unterhalten. Wenn er dann für sich Erkenntnisse aus diesem Film gewinnen kann, dann freut mich das, aber ich besitze keinen Missionseifer."
Der Kontakt zu seinem Publikum ist ihm außerordentlich wichtig. Auch in Marburg nahm er sich viel Zeit, sämtliche Fragen zu beantworten und alle Autogrammwünsche zu befriedigen. Nach 14 Terminen war Marburg die letzte Station seiner Filmtour. Ob er froh sei nun endlich seine Familie wiederzusehen: "Natürlich, aber glauben Sie mir, die letzten zwei Wochen waren die lustigsten seit langem!"
 
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