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Text von Sonntag, 6. Februar 2005

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 Schreibkunst: Literaturpreis für Rávic Strubel 
 Marburg * (sts)
Die Neukonzeption des Literaturpreises der Stadt Marburg und des Landkreises Marburg-Biedenkopf erwies sich schon am ersten Tag des Wettlesens als voller Erfolg. Rund 130 Literaturinteressierte hatten am Samstag (5. Februar) den Weg in die Waggonhalle gefunden. Mit einer halben Stunde Verspätung, nicht zuletzt durch das Aufstellen weiterer Stühle bedingt, begrüßte der Leiter des städtischen Fachdienstes Kultur Dr. Richard Laufner dieanwesenden Autoren, die Jurymitglieder und das Publikum.
Als erste Autorin durfte Maike Wetzel aus ihrem Roman "Lange Tage" lesen. "Ihre Figuren werden dadurch besonders, dass sie in ihrer Normalität genau beobachtet werden", urteilte Jurymitglied Juli Zeh hinterher. "Diese unerschütterliche Gleichgültigkeit der Protagonisten und ihre unheimliche Sehnsucht nach etwas Wirklichem im Leben haben mich beim Lesen regelrecht zersetzt", beschwor Zeh
die Wirkung des Buches.
Mit dem Werk des Lyrikers Mirko Bonné tat sich die Jury in ihrem Urteil schon schwerer. Die Gedichtsammlung "Hibiskus Code" sei ein regelrechtes "Wahrnehmungsgewitter", besäße aber keinen erkennbaren Sinn. Wie in einem riesigen Kreuzworträtsel kam sich Juli Zeh beim Lesen vor, bis sie kapiert zu haben glaubte, dass es einfach nicht darum ging, etwas zu kapieren. Bonnés außergewöhnliche Brillanz beim Vortrag seiner eigenen Gedichte erstaunte Publikum wie Jury gleichermaßen und eröffnete neue Zugangshorizonte.
"Den Titel finde ich nicht gut", meinte ein Zuschauer zu Antje Rávic Strubel, die aus ihrem Roman "Tupolew 134" las. Ansonsten lobten Publikum wie Jury die erzählerische Qualität des Werkes. Jurymitglied Dr. Maike Albath glaubte sogar eine neue Form des Realismus in Strubels Sprache
entdeckt zu haben.
Als letzter Autor des ersten Tages las André Kubiczek aus "Die Guten und die Bösen". Die Literaturwissenschaftlerin in der Jury Dr. Urte Helduser bescheinigte ihm ein "grandioser Satiriker" zu sein. Zeh beschwor sein "unglaubliches Sprachgefühl". Es herrsche aber bis zum Schluss zuviel
Verwirrung, die nicht entwirrt werde, ergänzte Zeh und zeigte sich enttäuscht vom Ende des Buches.
Dem ersten Lesetag folgte am Abend eine "After Read Party", veranstaltet vom Projektseminar zum Literaturpreis an der Philipps-Universität. Dort bot sich den Studierenden die Möglichkeit mit Autoren und Jury ins Gespräch zu kommen und den Tag tanzend ausklingen zu lassen.
Auch am Sonntagmorgen war die Waggonhalle zur ersten Lesung von Zoran Drvenkar wieder gut besucht. Sein Roman "Du bist zu schnell" sei das Protokoll einer ständigen Verunsicherung, urteilte Maike Albath. Eine Umkehr von der Idee des Entwicklungsromans fand Juli Zeh kennzeichnend, "am Ende
ginge es nur noch darum heil aus dem Psychothriller heraus zu kommen".
Von einer "eigenartigen Obsession" geleitet, wie Urte Helduser meinte, sei die Protagonistin in Annette Pehnts Roman "Insel 34". Mit stilisiertem Gleichmut versucht sie allen Widrigkeiten trotzend ihr Ziel, die namenlose Insel, zu erreichen. "Fast unerträglich grotesk und mit enormen Witz"
gelinge es Pehnt diesen verschrobenen Lebensinhalt zu erzählen, fügte Zeh hinzu.
"Atemberaubend kompliziert" sei Marcus Jensens Roman "Oberland", aber dennoch nachvollziehbar, kommentierte Juli Zeh die Abschlusslesung. Von oben betrachtet der Protagonist sein Leben nach seinem Selbstmord: "Meine Freundin nannte es die christliche Hölle, alles wiederholt sich immer wieder", deutete Jensen sein Werk selbst. "Ein polyphones Konzert der Stimmen und Stimmungen", urteilte die Jury.
Am Nachmittag wurden im Historischen Rathausaal schließlich die beiden Marburger Literaturpreise von Bürgermeister Egon Vaupel überreicht. Den mit 2.500 Euro dotierten Regio-Preis für Autoren aus der Region Mittelhessen erhielt der Herborner Grundschullehrer Jan Kuhl für sein Kinderbuch "Zauberer Fittipaldi und das Zauberkissen". "Die Phantasie bestimmt seinen Weltzugang", sagte Maike Albath in der Begründung der Juryentscheidung. "In leichfüßigem, schwungvollen Stil vermittelt Kuhl Werte wie Freundschaft und Solidarität", fügte sie hinzu. Die Idee zu diesem Kinderbuch entstand im Rahmen des Schulunterrichts. Viele kleine Geschichten seiner Schüler fügte der in Marburg geborene Kuhl zu einem Gesamtwerk zusammen. Derzeit sei eine Fortsetzung der "Fittipaldi-Geschichte", wieder in Zusammenarbeit mit Grundschulkindern in Arbeit, gab Kuhl in seiner Dankesansprache bekannt. "Ich habe schon viele verrückte Ideen, aber die Kinder haben noch verrücktere", meinte der 36-jährige am Ende schmunzelnd.
Juli Zeh sprach die Laudatio zur Verleihung des mit 7.500 Euro dotierten Hauptpreises. Vaupel lüftete das Geheimnis: "Der Preisträger oder besser die Preisträgerin ist Antje Rávic Strubel".
Schwierig sei die Entscheidungsfindung gewesen, doch letztlich habe sich Strubels "vielschichtige Erinnerungsrechereche", der Roman "Tupolew 134" als Sieger herauskristallisiert. "Ihr eeindruckendes Geschichtsbewußtsein, fern von Ostalgie und frei von Anti-Kommunismus, ihr überzeugendes ästhetisches Konzept und ihre spröde, karge aber keineswegs leblose Sprache haben letztlich den Ausschlag gegeben", begründete Zeh weiter. Rávic Strubel ist damit die 13. Preisträgerin des Marburger Literaturpreises seit der ersten Verleihung im Jahre 1980.
 
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