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Text von Samstag, 15. Oktober 2005

> s o z i a l e s<
  
 Blinde unterwegs: Zum Tag des weißen Stockes 
 Marburg * (fjh)
In Marburg sieht man sie überall: Menschen mit einem langen weißen Stock klackend und tackend durch die Stadt laufen. Mit Hilfe ihres Langstocks bewegen Blinde sich einigermaßen sicher voran. Der weiße Stock ist dabei aber nicht nur Mobilitätshilfe, sondern auch ein international gültiges Erkennungszeichen.
Am 15. Oktober begehen die Blinden weltweit den "Tag des weißen Stockes". 1964 hat der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson zusammen mit den amerikanischen Blindenverbänden diesen Tag ausgerufen, um damit auf die besonderen Belange blinder Menschen aufmerksam zu machen. Heute wird dieser Tag weltweit begangen.
Auch in Marburg gibt es seit vielen Jahren Aktionen zum "Tag des weißen Stockes". Am Samstag (15. Oktober) hatte die &oouml;rtliche Gruppe des Blindenbundes an der Universitätsstraße einen Stand aufgebaut. Dort konnten sich Interessierte über den richtigen Umgang mit Blinden infomieren.
In vorangegangenen Jahren hatte sich auch die "Rehabilitationseinrichtung fü Sehgeschädigte"(ERS) der Deutschen Blindenstudienanstalt (BliStA) an den Aktionen zum "Tag des weißen Stockes" beteiligt. Mobilitätstrainer eröffneten Interessierten die Möglichkeit, f¨r wenige Minuten in die Rolle eines Blinden zu schl¨pfen. Unter einer Augenbinde konnten Sehende durch die Straße oder über den benachbarten Platz gehen. Der Mobilitätstrainer achtete dabei darauf, dass der Stockgänger keinen Schaden erleidet.
Derartige "Rehabiltitationslehrer" bilden auch die Blinden im Umgang mit dem weißen Langstock aus. Denn was so einfach aussieht, muss systematisch geübt werden.
Die rhythmischen Pendelbewegungen des Stocks gehen allmählich in Fleisch und Blut über. Tritt der rechte Fuß vor, muss der Stock links vor dem Stockgänger aufschlagen. Setzt der Blinde seinen linken Fuß nach vorne, schlägt der Stock rechts auf den Boden auf. So geht der Stock den Füßen immer einen Schritt voraus und tastet das Terrain ab, wo mit dem nächsten Schritt der Fuß hintritt.
Deshalb muss der Langstock individuell an Körpergröße und Schrittlänge seines Nutzers angepasst sein. Er sollte etwa bis zum Brustkreuz des Benutzers reichen.
Besonderen Trainings bedarf das Treppensteigen oder -hinabgehen mit dem Stock. Geübt werden müssen auch die Benutzung von Rolltreppen und das Einsteigen in Busse oder Bahnen.
Hat der Blinde beim Training meist noch alle Zeit der Welt, so kann das im Alltag ganz anders sein: Schnell muss er noch einen Zug oder Bus erreichen. Oft wartet auch schon der nächste wichtige Termin auf ihn. Deswegen laufen Blinde mitunter auch durchaus schnellen Schritts durch Marburg.
Mit der BliStA beherbergt Marburg die wichtigste Blindenbildungseinrichtung im deutschsprachigen Raum. Der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) hat seine Bundeszentrale ebenfalls in Marburg. Auch der Arbeitskreis Barrierefreies Internet (AKBI) wurde 1998 in Marburg gegründet. Auch seine Bundesgeschäftsstelle residiert in den Mauern der Stadt, in der der Anteil der Blinden schätzungswiese zehnmal so hoch ist wie im bundesdeutchen Durchschnitt.
Längst ist Marburg zur heimlichen Hauptstadt der deutschsprachigen Blinden geworden. Vielleicht auch deswegen erregt der "Tag des weißen Stockes" hier kaum noch Aufsehen. Die Bevölkerung ist hier längst vertraut mit den Grundregeln des Umgangs mit Blinden: Die Leute lassen die Blinden solange in Ruhe, wie sie einigermaßen sicher vorangehen. Steht aber ein Hindernis im Weg oder zeigt der Blinde größere Unsicherheit, dann sprechen sie ihn an. Auf jeden Fall fragen die Leute erst, bevor sie helfen.
 
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