Sie sind hier: marburgnews >
Heute ist Donnerstag, 18. April 2024

Text von Donnerstag, 6. Januar 2005

> b i l d u n g<
  
 Unternehmer-Psyche: Marburger Mittelstands-Barometer 
 Marburg * (fjh/pm)
Das Marburger Mittelstands-Barometer (MMB) befasst sich als erste Studie mit der psychischen Verfassung des deutschen Mittelstands. Die Philipps- Universität hat diese Untersuchung am Dienstag (18. Januar) vorgestellt.
Wissenschaftler der Forschungsstelle "mittelständische Wirtschaft" (FMW) haben mit dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) eine groß angelegte Untersuchung zur Lage des Mittelstands durchgeführt. Für das "Marburger Mittelstands-Barometer" (MMB) wurden dabei bundesweit mehr als 1.700 Unternehmer befragt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die vielfach untersuchte Geschäftslage nur die Spitze eines Eisbergs widerspiegelt. Die Geschäftslage wird in großem Maße durch die Freude der Unternehmer am Unternehmertum bestimmt. Diese Freude wiederum wird stark durch das Gründungsklima und das Unternehmerbild in der Öffentlichkeit beeinflusst.
Als alarmierend stufen die Forscher die Tatsache ein, dass es um die Psyche der Mittelständler noch weitaus schlechter bestellt ist als um die Einschätzung der Geschäftslage. So verspüren die meisten Unternehmer kaum noch Freude am Unternehmertum. Sie nehmen das Unternehmerbild in der Öffentlichkeit als negativ wahr und verspüren ein mangelhaftes Gründungsklima.
Diese Erkenntnis ist nach Ansicht der Wissenschaftler als brisant einzustufen, haben doch diese psychologischen Faktoren einen Erklärungsanteil von fast vierzig Prozent an der Einschätzung der Geschäftslage mittelständischer Unternehmen.
Schuld am schlechten Gründungsklima sind demzufolge hauptsächlich störende Rahmenbedingungen für Mittelständler. Bei den Befragten landen dabei die Regulierung und Bürokratie, das derzeitige Konjunkturklima, die Steuerbelastung und die Finanzierungsproblematik - wie zum Beispiel die restriktive Kreditvergabe der Banken oder fehlendes Eigenkapital - auf den vordersten Plätzen.
Besonders dramatisch ist die Lage in den neuen Bundesländern. Im Vergleich zu den alten Ländern werden hier durchweg schlechtere Werte erzielt.
Die Situation ist allerdings nicht nur im Osten alarmierend. Die im MMB ermittelte Landkarte der Mittelstands-Psychologie zeigt insgesamt ein heterogenes Bild. Demnach dürfen auch vermeintlich florierende Mittelstands-Standorte der Zukunft nicht ohne Sorge ins Auge sehen. So sind die Befragten am Vorzeige-Standort Baden-Württemberg zwar mit vergleichsweise großer Freude Unternehmer; im Hinblick auf das Gründungsklima landet das Bundesland jedoch auf dem vorletzten Platz.
Die Lage in den einzelnen Branchen ergibt ebenfalls ein unterschiedliches Bild. Firmen in Groß- und Außenhandel belegen durchweg Spitzenplätze. Erfreulich ist die Tatsache, dass Handwerksunternehmen ein überdurchschnittlich positives Gründungsklima wahrnehmen. Dramatisch schlecht fallen demgegenüber die Bewertungen in der Bau-Branche aus.
Positiver ist die Situation bei jungen Kleinst-Unternehmen mit bis zu vier Mitarbeitern. Ermutigend ist auch die Tatsache, dass junge Frauen besonders optimistisch an die Selbständigkeit herangehen.
Um den Mittelstand in Deutschland für die Zukunft zu stärken, liefern die Ergebnisse des MMB nach Meinung der Autoren vor allem zwei Ansatzpunkte: "Einerseits muss das Gründungsklima in Deutschland dringend verbessert werden", meinte FMW-Sprecher Prof. Dr. Michael Lingenfelder. Ansatzpunkte hierfür lägen insbesondere in den - als störend bewerteten - Rahmenbedingungen. So sollten sollten bürokratische Hürden für Gründer beispielsweise aus dem Weg geräumt werden. "Andererseits sollte eine Marketing-Offensive zur Verbesserung des Unternehmerbilds in der Öffentlichkeit angestoßen werden!", schlug Lingenfelder vor.
Derzeit spüre der Unternehmer in Deutschland ein hohes Maß an Neid und Missgunst in der Öffentlichkeit. Dieses Negativ-Image müsse durch ein Rollenbild des Unternehmers als tragende Säule der Gesellschaft ersetzt werden. Positivbeispiele wie die Stärke und der Erfolg junger Unternehmer und Unternehmerinnen sollten dabei als Vorbild dienen.
Um die psychische Verfassung des Mittelstands in Deutschland weiter zu beobachten und deren - offensichtlich zentralen - Stellenwert für den Mittelstand näher zu analysieren, wurden die vorbereitenden Aktivitäten für das MMB 2005 bereits gestartet.
 
 Ihr Kommentar 


Soziales-Archiv






© 2004 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg