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Text von Mittwoch, 9. November 2005

> k u l t u r<
  
 Kampf der Korrektheit: Die Juden sind unser Unglück 
 Marburg * (sfb)
"Die Juden sind unser Unglück" heißt der Titel eines im Mnemosyne-Verlag erschienenen Lyrik-Bandes von Gert Mac Keldey. Anlass, diesen Lyrik-Band zu schreiben, war ein Besuch des Autors im Haus der Wannsee-Konferenz. Dort wurde am 20. Januar 1942 die Vernichtung von elf Millionen Juden beschlossen.
Mit "7 x 7" einfachen Gedichten auf 63 Seiten kratzt der gebürtige Marburger an einem wunden Punkt in der deutschen Geschichte. Insbesondere aber bohrt er in den Abgründen der deutschen Seele. Seine Gedichte setzen sich damit auseinander, wie man sich mit dem Mord an sechs Millionen Juden "auseinandersetzt", wie in der Öffentlichkeit versucht wird, diese deutsche Wunde endgültig zu schließen.
Betrachtet man das Gedicht "behandeln sie eines der folgenden Themen", so versteht man, was Mac Keldy meint, wenn er sagt, die Realität liefere die Metaphern. So eine Metapher ist der Geschichtsunterricht, der in seiner aufklärerischen Funktion alle weiteren Gedenk- und Gedächtnis-Orgien repräsentiert. Er ist auf das Abfragen von Faktenwissen, Zahlen und Daten reduziert - mal zur Wannsee-Konferenz oder ob die Wehrmacht an der Judenverfolgung beteiligt war.
In diesem und anderen Gedichten ist man nachweislich um einen erkennbaren Unterschied zwischen Damals und Heute bemüht. Doch im Grunde, da wo niemand hinschaut, wohin aber subtile Verse den Blick lenken, gibt es keinen Unterschied: Der Mord wurde genauso pflichtgemäß und präzise vollstreckt wie die derzeitige Auseinandersetzung mit ihm, ohne zu trauern, ohne ein ernstgemeintes Bedauern dabei zu empfinden. Stattdessen fühlt man nichts als Gleichgültigkeit, wie aus einem ähnlich lautenden Gedicht hervorgeht.
"Im Raum" heißt es: "Heute müssen wir über die juden sprechen ...,/ als deutsche haben wir eine besondere Verantwortung und Verpflichtung./ ich bin kein Deutscher, Herr Sstudienrat, sagt Mehmet./ dann nur so, erwidert der Lehrer,/ im raum stehend."
Zwei unterschwellige Stränge durchziehen den Gedichtband: Die Unfähigkeit der Deutschen, zu trauern und die Wut des Autors darüber. Doch beide äußern das Gegenteil von dem, was sie meinen. Beides klingt zynisch. Beide Seiten entziehen sich, indem sie sich nicht entziehen, nicht entziehen können.
Die Deutschen entziehen sich der Trauer, wenn sie ihre Geschichte pflichtgemäß aufarbeiten. Mac Keldey entzieht sich dem sicheren Zugriff deutscher Abwehr-Rhetorik, indem er in lyrischer Weise schweigt, worüber er nicht sprechen kann.
Mac Keldey verstrickt beide Stränge auf der Meta-Ebene zu einer lyrischen Kunstform, die wie keine sonst eine Spannung zwischen Meinen und Sagen erzeugt, die eine Spannung zwischen vorzeigbarer Oberfläche und peinlichem Abgrund ist. Seine anspruchsvolle Lyrik spiegelt formal wieder, worüber sie handelt. Sie hält dem Leser den viel zitierten Spiegel vor, auf das die Katharsis gelingen möge.
Tatsächlich lösen diese Verse eine ganze Kette von Assoziationen, Erinnerungen, Verdächtigungen aus und vielleicht sogar echte Betroffenheit. Doch Getroffene Schäferhunde bellen laut.
 
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