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Text von Montag, 3. Oktober 2005

> p o l i t i k<
  
 Einheitlich: Die Deutschen feiern ihr Jammern 
 Marburg * (fjh)
Am "Tag der Deutschen Einheit" feiert die Republik "die friedliche Wiedervereinigung mit unseren Bürdern und Schwestern in der Zone". Doch von einer wirklichen Einheit kann an diesem Montag (3. Oktober) kaum die Rede sein. Auch 15 Jahre nach der Wiedervereinigung geht immer noch ein Riss durch Deutschland.
Arbeitsplätze sind im Osten Mangelware. Perspektivlosigkeit hat die Menschen massenhaft in den Westen getrieben. Manche Gegenden im Osten sind inzwischen wie ausgestorben. Die Bevölkerung ist überaltert. Hoffnung auf eine strahlende Zukunft hegt dort kaum jemand.
Haben wir an diesem Nationalfeiertag überhaupt Grund zum Feiern? Sollten die Menschen - und vor allem die Politiker - an diesem Tag nicht besser darüber nachdenken, was sie falsch gemacht haben?
Nachdenklich stimmen kann schon die Festlegung des 3. Oktobers als "Tag der Deutschen Einheit". Dieses Datum kennzeichnet nur das Inkrafttreten des Einigungsvertrags zwischen der Bundesrepublik und der längst ausgebluteten Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Der wahre Freudentag indes war der 9. November 1989, als die Mauer erstmals geöffnet wurde.
Massenweise strömten die Menschen in den darauffolgenden Tagen von Ost nach West. Aber auch in der Gegenrichtung setzte ein begeisterter Tourismus ein. Verwandte bekamen zum ersten Mal Besuch von ihren Angehörigen aus dem Osten. Aber auch völlig fremde Menschen lagen einander in den Armen.
Auch Marburg erlebte damals eine Welle des Ansturms aus dem Osten. Besonders die Bürger Eisenachs zog es in ihre westdeutsche Partnerstadt. Schließlich verband die beiden Kommunen die erste deutsch-deutsche Städtepartnerschaft.
Diese Verbindung hatte sich aber auch regelrecht aufgedrängt. Von der Wartburg in Eisenach vertrieben, suchte die Landgräfin Elisabeth von Thüringen in Marburg Asyl. In der nach ihr benannten gothischen Kathedrale wurde sie später als Heilige begraben.
Ihre Tochter Sophie von Brabant erhob für ihren Sohn Philipp "das Kind" Ansprüche auf die Regentschaft Thüringens. Nach erbitterten Erbfolgekriegen verkündete sie schließlich auf dem Marburger Marktplatz die Gründung des Landes Hessen.
Der langjährige Marburger Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler stammte aus Eisenach. Er betrieb die Städtepartnerschaft zwischen den beiden Kommunen als Herzensangelegenheit.
Heute sind Marburg und Eisenach im Verbund der 14 Luther-Städte aktiv. Denn auch im Leben des Reformators Martin Luther spielen beide Städte eine besondere Rolle.
Viele Menschen aus der einstigen DDR sind zwischenzeitlich den Spuren des Wittenberger Reformators gefolgt. Etliche leben und arbeiten heute in Marburg. Unter den Studierenden der Philipps-Universität stammt ein nicht unbeträchtlicher Teil ursprünglich aus der DDR.
Der Osten ist in den Westen gekommen. Genauso war es seinerzeit auch mit der Form der Wiedervereinigung: Die DDR hat sich der Bundesrepublik angeschlossen.
Wenig ist drüben übrig geblieben von der einstigen sozialen Geborgenheit, die das diktatorische Regime seinen Bürgern zweifellos garantierte, solange sie nur konform mit den Herrschenden gingen. Ebensowenig ist im Westen übrig geblieben von der Solidarität, mit der man einst regelmäßig Päckchen packte und "nach drüben" schickte.
15 Jahre nach der Wiedervereinigung sind die Deutschen ein Volk von jammernden Egoisten. Einheitlich ist bei den Deutschen in Ost und West nur diese übellaunige Haltung. Die wiedervereinigte Bundesrepublik wird immer mehr zu einem Land der sozialen Kälte. Sollen wir das etwa feiern?
 
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