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Text von Sonntag, 5. Juni 2005

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 Bedrängtes Volk: Tschetschenen unter Generalverdacht 
 Marburg * (sts)
"In Russland können Tschetschenen derzeit kein normales Leben führen. Die Propaganda stempelt jeden Einzelnen zu einem potentiellen Terroristen", sagte Lipkan Basajewa. Sie ist Vorstandsmitglied der russischen Menschenrechtsorganisation "Memorial". Auf Einladung des Hessischen Flüchtlingsrates sprach Basajewa am Samstag (4. Juni) im Martin-Luther-Haus zur aktuellen Situation in der Kaukasus-Republik. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Kollegen Shakhman Akbulatow, der bereits am Freitag im Marburger Weltladen zum gleichen Thema referiert hatte.
"Die Abschiebung tschetschenischer Flüchtlinge aus Deutschland kommt einer Verurteilung gleich", machte Basajewa deutlich. Schon an Flughäfen oder Bahnhöfen würden die Flüchtlinge häufig festgenommen und gewaltsam verhört. Wer wieder freikomme, müsse damit rechnen ständig überwacht zu werden. Die Polizeibehörden schreckten auch nicht davor zurück Unschuldigen ein Verbrechen anzuhängen:
"Die junge Tschetschenin Sara Murtusalijewa wurde kürzlich zu neun Jahren Lagerarbeit verurteilt, da sich angeblich 200 Gramm Sprengstoff in ihrer Handtasche befunden hatten. Außerdem hatte sie Fotos in einem Einkaufszentrum gemacht." Unabhängige Prozessbeobachter erklärten, dass die Anklage konstruiert gewesen sei und gegen internationale Rechtsstandards verstoßen habe.
Die Situation in Tschetschenien selbst bezeichnete Akbulatow als "chaotisch". Seit Beginn des zweiten Tschetschenien-Krieges 1999 seien über 20.000 Zivilisten getötet worden. Mehr als 3.000 seien spurlos verschwunden. Festnahmen, Entführungen, Vergewaltigungen und Ermordungen gehörten zur Tagesordnung. Der russische Präsident Vladimir Putin verschleiere unter dem Deckmantel der Terrorismusbekämpfung den Völkermord an der tschetschenischen Bevölkerung. Terrorakte tschetschenischer Kämpfer seien nur die Konsequenz der russischen Politik. "Putin versucht an den Tschetschenen ein Exempel zu statuieren, damit nicht weitere Staaten der Kaukasus-Region für ihre Unabhängigkeit kämpfen", vermutete Akbulatow.
Basajewa wie Akbulatow versicherten, dass der tschetschenischen Unabhängigkeitserklärung vom 6. September 1991 als Ziel immer die Gründung einer demokratischen Zivilgesellschaft zugrunde gelegen habe. "Es gibt in Tschetschenien gar keine Basis zur Errichtung eines islamischen Gottesstaates", wies Basajewa entsprechende Befürchtungen zurück. "Unser Volk kämpft für eine unabhängige demokratische Republik in friedlicher Nachbarschaft zu Russland", fand Akbulatow visionäre Schlussworte.
 
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