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Text von Donnerstag, 27. Januar 2005

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 Weltmachtpolitik: Die Interessensphären der USA 
 Marburg * (atn)
Über den strategischen Nutzen des Brückenkopfs Afghanistan für die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) sprach Dr. Matin Baraki am Mittwoch (26. Januar). Unter dem Titel "Nach Kabul und Bagdad nun Teheran?" ging der entwicklungspolitische Gutachter und Lehrbeauftragte an den Universitäten Marburg und Kassel auf den instrumentellen Nutzen des 11. Septembers für die expansive Großmachtpolitik der USA ein.
"Afghanistan war ein voller Erfolg". So jedenfalls sieht es die US-Regierung. Aus einer ehemals kommunistisch regierten "Brutstätte für Terroristen" ist eine konstitutionelle Republik geworden, die demokratische Wahlen veranstaltet und sich verpflichtet hat, die Menschenrechte zu achten. Das hört sich doch gut an, oder?
Mit teilweise gewagten Thesen wie "Ich sage: Hätte es den 11. September nicht gegeben, man hätte ihn erfinden müssen" forderte Baraki seine Zuhörer zum kritischen Mitdenken heraus.
Der in marburg lebende gebürtige Afghane gab zunächst einen Überblick über die jüngere Geschichte Afghanistans. Dabei wurde deutlich, dass Interessen fremder Großmächte - egal ob kommunistisch oder kapitalistisch - sich in einem religiös geprägten Land wie Afghanistan schwer durchsetzen lassen. Regional mächtige Geistliche instrumentalisieren die Religion, um zum Beispiel die - aus Lehrermangel nur gemeinsam mögliche - Ausbildung ihrer Kinder zu verhindern.
Anschließend erklärte Baraki seine These "Hätten die USA im Irak derart große militärische Erfolge feiern können wie in Afghanistan, dann stünden ihre Truppen heute wohl längst im Iran, in Syrien und anderen "Schurkenstaaten"".
Afghanistan war wohl die größte Operation der amerikanischen Confederate Intelligence Agency (CIA) . Seit dem Jahr 1973 wurden jährlich 65.000 Tonnen Waffen von den USA nach Afghanistan transportiert. Jährlich zahlte man 700 Millionen US$ an den afghanischen Widerstand, vor allem in Pakistan. Und wozu das alles?
Die Taliban sollten das Land stabilisieren, um es sicher genug für ein Pipeline-Projekt der USA zu machen. Sie erfüllten ihre Mission nicht. Die USA verloren das Interesse.
Doch dann kam der 11. September. Der darauffolgende Krieg gegen das Land am Hindukusch - eines der ärmsten der Welt - kostete die USA täglich 30 Millionen US-dollar.
Laut Baraki hätte man Afghanistan damit vergolden können, doch das war nicht das Ziel. Die heutige Präsenz der Internationalen Sicherheitsbeistands-Truppe in Afghanistan (ISAF) kostet 100 Millionen Euro pro Woche. Und in den Straßen vegetieren die Menschen wie die Ratten.
Wie andere Mächte, zum Beispiel Europa, dem neuen imperialistischen Streben - denn nichts anderes sei der missionarische Eifer zur Demokratisierung - der USA Einhalt gebieten könnten, blieb offen. Barakis Vortrag öffnete aber insofern neue Perspektiven, als dass er auf zahlreiche Verbindungen und Vorausplanungen in der Politik der Großmächte aufmerksam machte.
Sein Standpunkt zu Interventionen der USA in sogenannte "Schurkenstaaten" lässt sich mit folgendem Spruch vielleicht am ehesten beschreiben: "Bevor du dich daran machst, die Welt zu verbessern, gehe dreimal durch dein eigenes Haus!"
 
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